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E02416.05.201855 Min

Was ist Digitalisierung?

Im Gespräch: Nils Löwe (Lionizers)

Titelbild zu E024: Was ist Digitalisierung? – Nils Löwe (Lionizers)

Worum es geht

Nils Löwe spricht über sein verändertes Verständnis von Digitalisierung nach einem Jahr Interviews mit Experten.

Nils Löwe, Geschäftsführer der Lionizers, spricht über sein verändertes Verständnis von Digitalisierung nach einem Jahr intensiver Interviews mit Experten aus verschiedenen Branchen. Er betont, dass Digitalisierung keine technische Einheit ist, sondern ein komplexes Phänomen, das soziale, ethische und wirtschaftliche Dimensionen umfasst.

Er beschreibt, wie technische Fortschritte wie exponentielle Rechenleistungssteigerung und weltweite Verfügbarkeit von Tools wie Smartphones die Geschwindigkeit und Skalierung von Veränderungen erhöhen. Diese Dynamik führt zu Angst und Unsicherheit, besonders bei etablierten Unternehmen und älteren Generationen, die sich an stabile Strukturen gewöhnt haben.

Löwe betont, dass Technologie nur ein Werkzeug ist. Erfolgreiche Digitalisierung erfordert menschliche Kommunikation, Verantwortung und das Bewusstsein, dass nicht alles neu sein muss. Beispiele wie die Umstellung von gedruckten Katalogen auf digitale Plattformen oder die Entwicklung von Software in globalen Teams zeigen, dass alte Strukturen sich anpassen können, ohne komplett zu verschwinden.

Er sieht die größte Herausforderung nicht in der Technologie selbst, sondern im Prozess der Digitalisierung – insbesondere in der eigenen Organisation. Die Fähigkeit, Prozesse zu dokumentieren, zu skalieren und Verantwortung zu übernehmen, ist entscheidend. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber durch Verständnis und Reflexion gestaltbar.

Ursprüngliche Shownotes 16.05.2018

Nach fast einem Jahr als Fragensteller erzählt Nils, wie sein aktuelles Bild auf das Thema Digitalisierung aussieht. Von Zukunftsforschung, sozialen und ethischen Aspekten, aus technischer Sicht… das ganz große Bild.

Mehr muss wohl nicht gesagt werden, oder?

Viel Spaß beim Zuhören!

Links aus dem Interview

Buchtipps

  • The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies
    Erik Brynjolfsson, Andrew McAfee
  • Machine, Platform, Crowd: Harnessing Our Digital Future
    Andrew McAfee, Erik Brynjolfsson
  • Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen
    Christoph Keese
  • The Fourth Industrial Revolution
    Klaus Schwab

Transkript

7.482 Wörter

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Hallo und herzlich willkommen zu Wege der Digitalisierung. Dies ist Episode 24. Ich bin Friederike Löwe und ich habe heute das große Vergnügen, den Mann zu interviewen, der hier sonst die Fragen stellt. Ich habe hier nämlich Nils von den Lionizers. Erzähl doch mal, wer du eigentlich bist.

Also, ich bin Nils. Ich habe bis hier die Interviews geführt, hier für unseren Podcast. In Zukunft werden wir uns da ein bisschen mehr abwechseln. Den Hintergrund hatte ich, glaube ich, in der letzten Mail angekündigt. Wir haben letzten Sommer unser zweites Kind bekommen und dadurch war Rieke ein bisschen an zu Hause gebunden und das wollen wir jetzt wieder aufweichen. Aber jetzt geht es nicht um unsere Kinder, sondern um unseren Podcast und um Digitalisierung. Also, ich bin Geschäftsführer der Lionizers und wir entwickeln Software. Und zwar für ganz vielfältige Kunden und letztendlich ist diese Tatsache, dass wir Software entwickeln, ja auch der Grund, weswegen es diesen Podcast gibt. Weil wir irgendwie die Macher der Digitalisierung sind. Wir sind die Umsetzer, Wir sind die, die man ruft, wenn man ein Stück Software braucht, im einfachsten Fall.

Und das fanden wir vor etwas über einem Jahr so spannend, dass wir diese Geschichten sammeln wollten, was denn da eigentlich immer hinter steckt. Jetzt haben wir aus einem Jahr Interviewgeschichte so viele spannende Sachen gelernt, dass wir uns gedacht haben, wir müssen das irgendwie mal zusammenfassen und versuchen rauszuziehen, was wir alle schon gelernt haben.

Ja, und vor allen Dingen erlebe ich dich ja auch so ab und zu und du liest ja auch Bücher ohne Ende und ich hörst Bücher und keine Ahnung, was du sonst noch alles so machst, aber dieses Thema Digitalisierung, ich habe das Gefühl, seit mindestens einem Jahr, wahrscheinlich noch viel länger, saugst du alles auf, was du kriegen kannst. Deswegen bin ich total gespannt auf deine Zusammenfassung. Was ist denn das jetzt eigentlich? Oder was ist es eigentlich alles? Was ist dein Bild gerade nach diesem Abenteuer und Lernen?

Ja, also wir sind vor einem Jahr gestartet mit genau dieser Frage, was ist Digitalisierung? Und hatten so die These, die eine Antwort gibt es nicht. Und also zumindest kann ich das bestätigen, es gibt nicht die eine Antwort. Check. Was ich sagen muss, es gibt so ein paar wiederkehrende Themen, Fragen, Probleme, die ich aus vielen Interviews rausgehört habe. Und du hast schon gesagt, ich lese ganz viel, ich höre ganz viele Bücher und vieles davon, was ich im letzten Jahr gelernt habe, habe ich durch unsere Interviewgäste empfohlen bekommen. Also da hat sich eine völlig neue Welt aufgetan, auf die wäre ich nicht gekommen, ohne diese vielen tollen Leute, die ich befragen durfte. Und zu diesen Clustern, was ist Digitalisierung? Also Digitalisierung geht oft los, zumindest wenn man sich diesem Thema nähert, dass man das für ein technisches Thema hält.

Ich meine, irgendwie ist es ja eine technische Sache, aber das ist immer nur der Stein des Anstoßes. Gerade im letzten Interview mit dem Ulrich Zucker, der hat gesagt, die Themen sind alle nicht neu. Das, was wir heute technisch haben, das haben sie in den 80ern schon erfunden. Das heißt, die Technik ist immer der Auslöser, aber das eigentliche Problem, dass Digitalisierung uns heute so vor die Füße wirft, ist eher diese Geschwindigkeit und die Skalierung. Es gab in den 80ern Videokonferenzsysteme, die hat keiner so richtig genutzt, weil es nicht so richtig gut anwendbar war. So richtig weiß man vielleicht gar nicht genau, wo die Gründe lagen. Aber heute hat jeder ein komplettes Videostudio auf seinem Smartphone.

Also ich meine, jetzt war ich fürs letzte Projekt schon irgendwo in Kapstadt und Mumbai und Hongkong und wir beiden haben abends per Skype telefoniert und es war eigentlich, abgesehen von der Zeitzone, fast egal, was da für eine Distanz zwischenlag. Dafür hat man laut Uli in den 80er Jahren, musste man einen großen Konzern haben sich das leisten können und man musste einen Raum einrichten, in dem man ein komplettes Video-Studio Equipment hatte. Also die Verfügbarkeit von Technologie

ist einfach eine völlig andere. Ja, dadurch ändert sich alles irgendwie im Umgang. Also wir hätten hier ja überhaupt nicht gewusst, wie es dir geht, was du machst, bis du wieder da bist oder mit Pech auch nicht. Also diese Beziehungsebene und dieses Wissen, das ist ja irgendwie

Ja, genau. Und der Punkt ist halt, es wird alles immer schneller. Also wir kennen alle irgendwo das Mursche Gesetz und das spielt ja irgendwo in diese Digitalisierung rein und das besagt irgendwie, dass sich die Rechenkapazität oder die Speichermenge oder also das wird auf vieles angewendet, aber Fakt ist, irgendwie diese ganze Kapazität verdoppelt sich alle 18 bis 24 Monate. Und auch, was viele nicht wissen, auch wenn das mal als strategische Entscheidung von dem Intel-Chef postuliert wurde, haben sie es jetzt über Jahrzehnte durchgehalten. Und das führt ja dazu, dass wir so ein exponentielles Wachstum haben. Also das, was wir heute als Smartphone in unserer Tasche haben, das ist ein unglaubliches Vielfaches dessen, was wir in den 90ern als Supercomputer irgendwo stehen hatten.

Räumeweise.

Ja, genau. Und die Mondmission wurde mit drei C64-Äquivalenten gestartet. Was kann man damit heute noch anfangen? Das ist ein Witz. Und diese Verfügbarkeit dieser Technologie sorgt im Prinzip ja erst dafür, dass Leute sich fragen, was können wir denn damit anstellen? Und dass mein Smartphone heute Skype und Hangout und Zoom und was weiß ich nicht alles kann, das erst führt glaube ich dazu, dass wir das nutzen. Und das führt dann aber dazu, dass sich diese ganze Kommunikation in den Firmen dem auch anpasst. Und das habe ich aus unterschiedlichen Interviews rausgehört. Technische Veränderungen gab es schon immer. Menschen mussten sich schon immer anpassen. Das habe ich jetzt persönlich gerade im eigenen Leib erfahren.

Ich meine, wir hier in Deutschland haben gerade 60, 70 Jahre Geschichte. Und wenn man mal zurückguckt, unsere Grenzen von heute, wenn man mal guckt, was in den letzten 2000 Jahren hier an diesem Fleck los war, dann waren wir schon alles. Dann waren wir schon Dänen und Schweden und Franzosen und Bayern und Preußen. Und an anderen Orten der Welt gab es aber eine Stabilität in Indien. Die haben ja tausende Kultur. Klar waren die Briten da auch mal eine Weile, aber aus deren Sicht kommen und gehen die Leute irgendwie. Das heißt, einerseits sind wir zwar daran gewöhnt, dass Veränderung stattfindet, aber die Geschwindigkeit dieser Veränderung, die nimmt zu und zwar rapide. Was unsere Eltern vielleicht noch an Stabilität kennengelernt haben, das kennen wir nicht mehr.

Und ich möchte gar nicht wissen, womit unsere Kinder sich arrangieren müssen im Laufe ihres Lebens. Es gibt diese Grafiken, wo gezeigt wird, wie viele Jahre oder Jahrzehnte am Anfang es gedauert hat, bis irgendeine gegebene Technologie 100 Millionen Nutzer hatte. Und das fing an mit dem Telegrafen, das waren wirklich Jahrzehnte. Und Radio und Fernsehen. Und Facebook hat das Ganze in unter zwei Jahren geschafft. Instagram hat es in unter einem Jahr geschafft. Und ich habe Snapchat noch nie benutzt, aber die haben es in wenigen Monaten geschafft.

Meinst du denn, die Generation unserer Eltern ist die erste, die das so richtig in einem Leben so abruckt? Also deine Mutter hat letztens was total Beeindruckendes gesagt, fand ich. Sie hat gesagt, als sie angefangen hat zu lernen, musste sie quasi auf die Alten hören, weil die Alten alles besser wussten. Und jetzt gehört sie da, wo sie arbeitet, quasi zu den Alten und muss jetzt aber immer auf die Jungen hören, weil die Alten heute nichts mehr zu melden haben, weil die Jungen ja wissen, wie die Technik funktioniert. Und dass es für sie schon ein Stück frustrierend ist, irgendwie nie zu denen zu gehören, die wissen, wie es läuft. Und ich habe mich gefragt, ob das für ihre Generation irgendwie einzigartig oder das erste Mal ist.

Jetzt mag das Bereiche geben, wo das vielleicht so ist. Also meine Mutter arbeitet in einer Behörde und hat da halt mit Datenmengen zu tun, die früher auf Papier und Schreibmaschinen bearbeitet wurden. Ja, vielleicht ist das so. Letztendlich haben diese ganzen deutschen Behörden ja auch das Problem, dass diese ganzen mittleren Schichten im Prinzip ausgestorben sind, weil es irgendwie digitalisiert wurde. Aber andersrum sind die gerade alle völlig Land unter, weil die Arbeit am Ende doch irgendwo getan werden muss. Und die kriegen die Leute nicht nach. Und ich glaube, das ist eine andere Sache, die ich aus diesen ganzen vielen Gesprächen gelernt habe. Am Ende sind die Technologien halt doch nur Werkzeuge.

Die sind so ein Changemaker und bringen Veränderungen mit sich, aber am Ende läuft es immer auf Kommunikation und auf Menschenthemen hinaus. Und diese Veränderungen muss man so irgendwo reintragen, dass die Leute auch mitgehen. Aber am Ende ist eigentlich nie die Technologie der Mittelpunkt. Und von daher, wie das jetzt in dieser Behörde genau aussieht, gute Frage. Ich erinnere mich an das sechste Interview, war es glaube ich, mit Finn Plotz, Vion, Hotteseon, einer unserer tollen, großen Kunden. Der Kerl ist jetzt 21, hat seine zweite Firma gegründet und hat in diesem Interview aber gesagt, er setzt sich lieber ins Auto und fährt eine Stunde irgendwo hin, um persönlich mit Leuten zu reden. Und er ist jemand, der mit 16 eine Firma gegründet hat, die Fertigung in China, Softwareentwicklung hier, Design in New York und Investoren aus aller Welt zusammengetragen hat.

Und trotzdem, also Leute wie Finn haben nie eine andere Welt als diese digitalisierte Welt kennengelernt. Die sind aufgewachsen. Der hat mir abends beim vierten Bier erzählt, dass er gecheatet hat in der Schule, ich hoffe, dass seine Lehrer das nicht hören, indem er eine Uhr hatte, wo er einen iPod reingefrickelt hat. Das sind Möglichkeiten, die hatte ich als Schüler nicht. Ich musste noch Dinge auf einem Nadeldrucker sehr klein ausdrucken. So, und trotzdem stellt sich so jemand hin und sagt, ich fahre lieber irgendwo hin und rede persönlich mit Leuten, weil dieses persönliche Gespräch durch nichts zu toppen ist. Und ich glaube, es ist ein Trugschluss zu sagen, dass die jungen Leute immer mit der Technologie besser klarkommen und wir deswegen heute immer auf die jungen Leute hören müssen.

Ich glaube, ganz viele dieser, ich nenne es mal alten Werte, die haben Bestand. Und wir haben heute irgendwie auch so die irrige Annahme, alles ändert sich radikal komplett und nichts bleibt. Hier bei dem Interview mit dem Creative Space, da haben wir das, Rikke malt die tollen Bilder für unseren Podcast und auf dem Bild für dieses Interview mit dem Creative Space. steht, die Digitalisierung wird keinen Stein auf dem anderen lassen. Und ein Stück weit fühlt sich das auf jeden Fall so an und in einigen Bereichen ist das so und vieles ändert sich wirklich radikal. Also Geschäftsmodelle werden transformiert, disruptiert. Und ich glaube aber, irgendwie ist es auch ein bisschen fahrlässig, einfach alles hinzuwerfen und zu sagen, es wird sowieso alles anders.

Also jetzt gibt es die großen Plattformen unserer Zeit und wenn ich mir Uber angucke, vor zwei Jahren, also in den Büchern, die vor zwei, drei, vier Jahren geschrieben wurden, werden die dargestellt als, boah, neues Geschäftsmodell, die haben kein eigenes Auto, die haben eigentlich wenig Angestellte und trotzdem ist das die größte Mobilitätsplattform. Aber die haben in Deutschland nicht Fuß gefasst, weil sie doch viele Probleme haben, die man so nicht, also diese ganzen Haftungsthemen. Also als Fahrgast bei Uber hat man erheblich höhere Risiken und erheblich weniger Rechte, als man das in einem klassischen Taxi hat. Und in Deutschland ist die Taxibranche so gut organisiert, dass Uber hier keinen Fuß an Land kriegt.

Ich sage das jetzt völlig wertungsfrei. Ich bin in Kapstadt da mitgefahren und das ist eine schöne Sache. Also es ist Convenience, es ist schön. Aber auch in den USA werden die in immer mehr Städten verklagt und in Johannesburg werden die Autos abgefackelt. Und ich habe in Mumbai mit Taxifahrern geredet, die haben auch gesagt, naja, das ist hier gerade angefangen, aber wir sind da alle sehr gegen. Und der Typ hat mir nicht gesagt, dass er Uber-Autos abfackelt, aber es klang so durch, als ob das da auch passiert. Und so eine Veränderung kommt, also ich glaube, man kann das mit diesem Gartner-Hype-Cycle so ein bisschen erklären. Dinge kommen und dann gibt es so eine sehr, sehr steil ansteigende Kurve.

Und erstmal sieht das aus wie die goldene Zukunft und irgendwann kommt das aber an so einen Peak. Und dann rauscht das auf der anderen Seite von dieser steigenden Kurve genauso schnell wieder runter. Und dann pendelt sich das wie bei so einer Sprungantwort bei einem Regelkreis irgendwo auf einem gesunden Level hinterher ein.

Hast du noch eine Metapher für die Nicht-Taggys? Nein.

Nein, also Dinge werden erstmal massiv überbewertet. Und es ist ja auch schön, man redet ja gerne über den neuen heißen Scheiß. Und also ich glaube, diese riesengroßen Plattformen, erstmal haben sie viel verändert und viel kaputt gemacht. Und ich glaube, Uber ist aber gerade auf dem absteigenden Ast. Also es wurde so dargestellt, als ob es übermorgen keine Taxis mehr gäbe. Und als ob nur noch alle Leute morgen über so eine coole Smartphone-App mit dem tollen schickenschwarzen Uber-VIP durch die Gegend kutiert werden würden. Wenn so ein System dann eine Weile läuft, stellt man fest, am Ende kriegen die ihre Kostenvorteile eigentlich nur dadurch hin, dass sie halt die Fahrer noch mehr ausbeuten, als Taxifahrer eh schon ausgebeutet sind.

Also ich meine, wir haben Freunde, die haben Archäologie studiert und die haben gewitzelt, naja, ich studiere Archäologie, das heißt, ich werde mal Taxi fahren. Aber das wäre immer noch ein gut bezahlter Job im Vergleich zu so einem Uber-Fahrer. Von daher glaube ich nicht, dass damit jetzt die Taxibranche abgeschrieben ist und es nur noch Uber gibt und damit irgendwie ein Jahrtausende-altes Gewerbe einfach stirbt. Es wird sich verändern. Wir haben eine MyTaxi-App in Deutschland und ich nutze sie jetzt neuerdings auch und die ist total schön. Und irgendwie hat sich dadurch eine Branche, die schon Jahrhunderte, Jahrtausende alt ist, ein Stück digitalisiert. Es gibt überall Reibungsverluste und am Ende werden wir sehen, wo es landet.

Aber zurück zu dieser Frage, müssen wir nicht mehr auf die Alten hören. Ich glaube, es ist nicht wahr, dass immer alles einfach wegfällt und anders ist und kaputt ist, sondern das ist so ein Überschwingen und so ein Einpendeln und es gehen ein paar Sachen zu Bruch, aber es geht nicht alles zu Bruch.

Ja, du hast von Werten gesprochen. Also du meinst im Prinzip, wenn ich das richtig verstehe, den Unterschied zwischen, dass es zwei verschiedene Dinge sind. Die Technik geht ab wie irre und die Menschen sind jetzt nicht im negativen Sinne, aber irgendwie mit den gleichen Bedürfnissen nach Beziehung, nach Freude, nach einer Pause, was auch immer. Und die hypen zwar dem einen oder anderen hinterher, aber all das zusammen macht gerade unsere Zeit aus und wird auch die Zukunft ja weiterhin gestalten. Die Menschen werden ja nicht einfach irgendwelche Cyborgs, die dann nur noch bei der Technik mitmachen.

Genau, hoffen wir zumindest. Gut. Genau, aber ich denke, der Punkt ist, es gibt halt die Ecken, wo wir wirklich echte Technologiesprünge haben. Und teilweise gehen dadurch alte Geschäftsmodelle unter. Aber dann ist das oft, glaube ich, so der Fall, da gab es früher einfach die gute Technologie noch nicht. Deswegen hat man sich mit einer Behelfslösung zufrieden gegeben. Ich meine das jetzt auch wertfrei. Also woran ich denke, ist zum Beispiel, ich habe relativ am Anfang den Felix Mendon von VerdiFatwas interviewt. Das ist eine beeindruckende Firma, die waren jahrzehntelang ein gedruckter Katalog, ein Verzeichnis, mit Funfacts, dass diese Bücher in deutschen Botschaften weltweit lagen. Und wenn eine ausländische Firma einen deutschen Zulieferer suchte, dann sind die Leute in die deutsche Botschaft gegangen, um in den Katalog von Wer liefert was zu gucken, um die Kontaktdaten von den deutschen Weltmarktführern zu finden.

So, heute würde ja niemand mehr freiwillig sich in seine Kutsche setzen, um in die Botschaft zu fahren, um in ein gedrucktes Buch zu gucken, wenn er das Ganze auch auf seinem Smartphone nachschlagen kann. Irgendwie der Hammer, dieser Unterschied, ja. Genau, aber letztendlich, der Geschäftsmodell ist eigentlich relativ ähnlich zu damals. Die verkaufen immer noch Sichtbarkeit für ihre Anzeigenkunden, nur dass das heute digital stattfindet. Das war technologisch ein völliger Bruch. Die hatten damals eigene Druckmaschinen im Keller, die haben ihre ganzen Geschäftsprozesse daran ausgerichtet, einmal im Jahr einen neuen Katalog zu drucken. Und die sind durch einige schmerzhafte Transformationsprozesse gegangen, um das alles irgendwo ins digitale Zeitalter zu führen.

Die waren aber immer sehr vorn dabei, sehr früh an der Webseite, mit einer der ersten Firmen, die in Deutschland online Geld verdient hat und so weiter. Die haben eine CD-ROM gedruckt und die CD-Laufwerke nicht verkauft. Also irgendwie eine coole Firma und letztendlich haben sie aber dieses komplette alte Business auf eine Weise völlig hinter sich gelassen und auf eine andere Weise machen sie eigentlich das gleiche wie vor 80 Jahren. So, und das lag daran, dass es vor 80 Jahren das Internet einfach noch nicht gab. Das war am Horizont auch noch nicht zu erkennen. Und das war ein technologischer Sprung. Eine andere Sache, da habe ich heute Morgen gerade einen Blogartikel drüber gelesen, der mir so ein paar Sachen erklärt hat.

Tesla zum Beispiel. Tesla revolutioniert irgendwie die Autoindustrie. Und vor zwei Jahren wurden die auch noch als Überfliegerparadebeispiel hingestellt. Ich weiß nicht, ob es dieses Jahr war oder Ende letzten Jahres. Ich meine, die haben gerade massive Probleme, die Autos irgendwie auf die Straße zu kriegen. Die haben Vorbestellungen bis ans Ende des Jahrzehnts und kriegen es aber nicht hin, diese Autos in ausreichender Menge, in ausreichender Qualität zu produzieren. Und Elon Musk hat irgendwo in einem Interview gesagt, wir sind in der Produktionshölle. Und jetzt wurde die deutsche Autoindustrie schon mehrfach totgesagt, weil Tesla kommt und uns alle fertig macht. Und ich kann nicht beurteilen, ob Elektromobilität wirklich die endgültige Lösung ist.

Dass der Verbrennungsmotor nicht die endgültige Lösung ist, davon bin ich überzeugt. Trotzdem hat die deutsche Autoindustrie eine Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, alte Erfahrung in Massenproduktion. Ich glaube schon, dass sich die Art von Mobilität in den nächsten Jahren noch weiter verändern wird. Ich denke, zumindest in den großen Ballungszentren werden immer weniger Autos besitzen und Mobilität wird eine Dienstleistung. Car2Go und Movil und DriveNow und wie sie alle heißen, sind ja ein guter Weg dahin. Ich meine, wir haben Autos, weil wir am Stadtrand wohnen und trotzdem, wenn ich in der Innenstadt bin, fahre ich lieber Car2Go, weil es bequemer ist. Und jetzt müssen sicherlich die deutschen Autohersteller in Zeiten von Dieselskandal und was da noch alles schlummern mag, umdenken und bessere Up-to-Date-Produkte bauen.

Das liegt aber daran, dass die im Prinzip den Verbrennungsmotor über viele, viele Jahrzehnte immer nur optimiert haben. Und der ist schon sehr weit optimiert. Und um einen Motor von 10 Liter auf 9 Liter zu optimieren, braucht man einen Aufwand X. Aber um von 3 Liter auf 2 Liter zu kommen, das ist nicht der gleiche Aufwand. Das ist ein unendlich mal höherer Aufwand.

Das sind die letzten 20 Prozent, die sprichwörtlichen.

Ja, genau. Es sind nicht die letzten 20, es sind die letzten 3 Prozent. Da tun sie sich schwer, weil sie sitzen immer noch auf diesem Pferd.

Und in einem Buch, das du mir vor einer Weile empfohlen hast, geht es ja auch um das ganze Systemdesign, also die Software, die da drin steckt, dass Tesla den Entwurf ganz anders angegangen ist und dadurch viel fahrerfreundlicher, also benutzerfreundlicher geworden ist. Und dass das rein mit der Perspektive auf das Auto zu tun hat, den Gedanken fand ich wahnsinnig spannend. Und das ist zumindest Stand dieses Buches etwas, was der deutschen Automobilindustrie noch komplett fehlt.

Genau, ja. Also es geht um horizontale und vertikale Vernetzung. Und die horizontale Vernetzung in meiner Ebene ist alles, was sich im Auto abspielt. Da stecken heute zig bis hunderte Steuergeräte drin. Und die müssen natürlich alle miteinander reden können, damit das Auto als Gesamtsystem seine komplexe Funktion erfüllt. Und da ist auch die deutsche Autoindustrie extrem gut und das haben die über Jahrzehnte perfektioniert. Jetzt kommt Tesla daher und macht eine vertikale Vernetzung und vernetzt das Ganze mit dem Internet, mit Google. Ich habe da alles, was ich von meinem Smartphone kenne, Spotify, Netflix, Google Maps, Navigation, Minutenaktuelle Stauinformationen. Also all das habe ich auf einmal in meinem Auto auf einem schönen großen Touchscreen.

Und das ist neu und das haben die deutschen Autobauer so noch nicht drin. Also erstmal ist das einfach neu. Jetzt muss man dazu aber auch sagen, ich meine, ich habe auch den Geschäftsführer des TÜV Nord interviewt und der hat auch spannende Sachen gerade über Tesla erzählt. Also wie die überhaupt geschafft haben, dass so ein Tesla in Deutschland fahren darf. Der hat nämlich keine Typenzulassung in Deutschland, sondern in Holland, weil die eine andere Rechtslage haben. Aber eigentlich müsste mit jedem Software-Update das Auto eine neue Bautypen-Zulassung kriegen.

Und Software-Entwicklern auch vielleicht gar nicht so ein dummer Weg.

Ja, genau. Wenn man da mal so reinguckt, jetzt ist das, was Tesla macht, erstmal beeindruckend. Also technisch ist das eine echt coole Sache. Und mit so einem Tesla S mal zu fahren, ist eine echt witzige Sache. Also wirklich, wirklich einfach beeindruckend. Trotzdem haben diese Autos schon Leute umgebracht. Und jetzt kann sich Elon Musk hinstellen und sagen, naja, das war ja gar nicht dazu gedacht, dass das autonomes Fahren ist. Trotzdem wurde es irgendwie so dargestellt, als wäre es das. Zumindest haben die Leute es so verstanden, als wäre es das. haben sich extrem auf diese Technik verlassen und sind heute tot. So, jetzt bringen auch klassische Autos Leute um und auch Toyota hatte einen Bremspedal-Bug, der irgendwo zu Todesfällen geführt hat.

Trotzdem ist diese Geschwindigkeit, mit der da Innovation in Autos gebracht wird von Tesla, ich würde sagen, ein Stück weit fahrlässig. Und da ist die deutsche Industrie viel, viel schwerfälliger, aber die hat auch schon 100 Jahre und mehr Zeit gehabt zu lernen, wie man ein wirklich sicheres Produkt auf die Straße bringt. Das wirkt erstmal träge und irgendwie denkt man, naja, auf die alten müssen wir nicht hören, heute machen wir alles viel besser. Aber ich würde mir heute keinen Tesla kaufen. Also ich finde den lustig und ich fahre den gerne und ich glaube auch, dass Elektromobilität zumindest ein Teil der Lösung ist. Trotzdem, also ich als Softwareentwickler traue dem Frieden nicht. Und ja, aber letztendlich haben wir, also ich weiß nicht, ob das hier in dem Podcast schon mal zur Sprache kam.

Also wir haben vor Jahren das Manifest für verantwortungsvolle Softwareentwicklung ins Leben gerufen. Letztendlich, bevor wir um Tesla und all das Drama wussten, aber Ärzte haben ihren hippokratischen Eid seit 500 vor Christus und die hatten viel Zeit, um in ihre Verantwortung reinzuwachsen. Und Softwareentwickler gibt das seit ein paar Jahrzehnten. Und den Einfluss, den wir heute haben, haben wir seit 20 Jahren, bestenfalls. Trotzdem steckt Software überall drin. Jedes größere Gebäude hat irgendwelche elektronischen Schließsysteme, das ist Software. Unser komplettes Internet ist Big Brother, wie Orwell sich das nie hätte vorstellen können. Wer hat denn solche persönlichen Daten über sich preisgegeben vor 20 Jahren?

Da wären wir doch alle im Kreis gesprungen. und von daher glaube ich schon, dass wir Softwareentwickler, wir Leute, die diese Digitalisierung irgendwo umsetzen, wir müssen da noch viel mehr reinwachsen in die Verantwortung, die wir haben, weil wir viel zu leichtfertig Dinge tun, einfach weil es geht. Und das kommt halt mit diesen rasanten technologischen Sprüngen. Alle zwölf Monate haben wir doppelt so viel Rechenpower zur Verfügung, kostenlos, ist sogar billiger als vor zwölf Monaten. Kann man total coole Sachen mitmachen. Also was mein Smartphone heute kann, da hätte ich vor zehn Jahren eine Diplomarbeit drüber geschrieben und hätte nicht gewusst, wie ich das mit einem Supercomputer umsetzen soll.

Heute geht das. Und heute kann das auch jede Scriptkiddy mit irgendwelchen Frameworks, die man irgendwo runterladen kann, drei YouTube-Tutorials, schon bin ich ein toller Programmierer. Also das ist erst mal schön, wie schnell und wie einfach Sachen geworden sind. Aber es ist auch wahnsinnig gefährlich, weil die Leute, die es nicht verstehen, sich auf das verlassen, was wir da tun. und wir sind uns dessen oft gar nicht selbstbewusst, was wir eigentlich alles nicht können.

Das ist ja auch eine schwere Aufgabe, sich dessen so bewusst zu sein, zumal es ja auch noch nicht so weit ist, dass man diese Verantwortung wirklich beigebracht bekommt und lernt damit gut umzugehen. Es gibt viele Ansätze und oft sind sie verstaubt und an manchen Stellen dann auch wieder nicht hilfreich. Es ist wirklich ein schwieriges Thema. Du hast ganz am Anfang Digitalisierung und Problemen direkt in einem Satz gesagt. Siehst du das so?

Ja und nein. Digitalisierung hat ganz, ganz viele Bereiche, bringt ganz viele Sachen mit sich, die sind einfach toll. Also unser Leben ist so viel einfacher geworden und so viel bequemer und so viel entspannter. Ich kann mein HVV-Ticket auf meinem Telefon kaufen und das Telefon benachrichtigt mich, wann der Bus fährt, um die Ecke. Also an so vielen Stellen ist mein Leben so viel einfacher, als es früher war. Gleichzeitig wird das Leben aber auch viel komplexer. Und letztendlich, der ganze Einzelhandel hat es irgendwo erlebt. Amazon als Riesenplattform, man muss sagen, macht Existenzen kaputt.

Ja.

Und trotzdem sind wir da Power-User und bestellen Sachen lieber mal eben, weil mit zwei Kindern und einer Firma ist das nicht so einfach, nochmal eben zu Karstadt zu fahren. Also, das einen freut, das andere leid. Also ich bestelle da gerne. Es hat irgendwie für viele Leute viele Vorteile gebracht, aber es kostet viele andere Leute auch irgendwo schlaflose Nächte. Jetzt haben wir in vielen Interviews gelernt, wie man damit umgeht. Also gerade Uli hat in dem letzten Interview viele echt hilfreiche Tipps gegeben, wie der Einzelhandel sich da trotzdem hinstellen kann, um immer noch mehr Werte zu bieten. Aber man kann sich nicht mehr auf dem ausruhen, was 50 Jahre funktioniert hat. Man muss da irgendwie weiterdenken.

Und aus bestimmten Blickwinkeln betrachtet ist genau das ein Problem, weil ich auf einmal was tun muss. Und vor 20 Jahren musste ich es nicht tun. Da kamen die Kunden zu mir, weil sie keine Wahl hatten.

Du sagst das jetzt so ein bisschen lächeln, du bist über den Punkt hinweg. Du nimmst alles in die Hand und krempelst alles um, was dir unter die Finger kommt. Aber das ist tatsächlich die Schwierigkeit, oder? Die meisten Leute denken nicht von vornherein so. Und ich glaube, auch wir haben nicht von vornherein so gedacht. Das ist irgendwie ein Lernen und wir hatten Glück, dass wir da früh reingerutscht sind.

Genau, und das ist halt dieser Punkt. Wenn ich mir vorstellen würde, wir hätten ein Unternehmen, das 40 Jahre am Markt ist und 40 Jahre relativ ähnliche Sachen getan hat, dann würde mir das auch viel schwerer fallen, alles umzukrempeln, als es das jetzt tut, wo ich im Prinzip in diese Zeit der rasanten Veränderung reingeboren wurde.

Und man hat viel mehr zu verlieren.

Genau. Andererseits hat man halt auch einen Hebel, um viel mehr zu machen. Also letztendlich, wir haben eine Handvoll Angestellte und das ist ein wundervolles Team, das wir haben. Und wir bauen richtig cooles Zeug. Gleichzeitig können wir halt Lastspitzen abfangen, indem wir Freelancer remote benutzen und finden. Also wir haben eine tolle Plattform, über die wir Freelancer einstellen. Und in dem aktuellen Projekt haben wir jemanden aus Indien und jemanden aus der Ukraine und jemanden aus England und aus Italien arbeiten. Das Ganze über digitale Tools. Und das funktioniert. Also das Faszinierende ist, es funktioniert einfach. Das ging vor 20 Jahren aber auch nicht. Also irgendwie hat es für uns halt auch den Hebel gebracht, dass wir viel größere Projekte umsetzen können, als wir das vor 15 Jahren gekonnt hätten.

da hätten wir diese vier Leute einfach einstellen müssen oder das Projekt nicht annehmen. Also ja, es wird alles komplizierter und komplexer und schneller, aber man hat auch viel mehr Chancen. Man muss halt nur sehen, dass man diese Chancen auch nutzen muss, weil man sonst abgeschrieben ist. Also es erhöht irgendwie den Druck. Und eine andere Sache, die ich mal so als Problem darstellen möchte, Ich habe auch relativ früh im Podcast die Christiane Brandes-Fisbeck interviewt und da hatte ich so ein Aha-Erlebnis, als sie erklärt hat, dass letztendlich ja meine Zielgruppen sich nicht unbedingt mitverändern. Also wenn ich ein etabliertes Unternehmen habe, das schon langjährige Kundschaft aufgebaut hat, dann lese ich heute Blogartikel und Magazine und habe das Gefühl, oh mein Gott, ich muss komplett digital werden, weil ich vielleicht die Generation Y nur noch über Twitter erreiche.

Also kaufen die nur bei mir, wenn ich Facebook-Werbung mache.

Aber du kannst den Otto-Katalog nicht einfach aufhören lassen. Das geht einfach nicht.

Genau. Ich habe auch irgendwo Kunden, die schon seit Jahrzehnten Kunden sind und die wollen gerne weiterhin einen Brief kriegen. Die sind gar nicht bei Facebook. Heute ist fast jeder bei Facebook, aber es gibt immer noch Leute, die sind da nicht. Und es gibt Leute, die wollen weiterhin per Fax bestellen. Ich meine, ich habe mit anderen Softwareentwicklern Interviews geführt und irgendwie lachen wir über dieses Fax. Das ist eine altertümliche Technologie. Meine Lionizers hat keine Faxnummer. Aber, ja, wirklich nicht. Aber, also es gibt gerade so Mittelständler, die wirklich schon seit langen Jahren hochwertige Spezialprodukte bauen. Da ist Bestellung per Fax noch gang und gäbe. Und das ist ja nicht schlecht.

Ich meine, das ist ein solides, funktionierendes System. Nur werden diese Mittelständler auf diesem Wege keine Bestellung von 19-Jährigen bekommen.

Das heißt, man muss alles auf einmal können.

Genau. Das heißt, ich muss diese alten Kanäle beibehalten, weil vielleicht meine alten Kunden, die jetzt irgendwo in den 50ern, 60ern sind, die werden sich nicht mehr ändern. Ich möchte aber nicht diese Zielgruppe einfach vor die Tür setzen und sagen, ja, wenn ihr nicht online bestellt, dann seid ihr raus. Den Umsatz möchte ich ja nicht wegwerfen. Gleichzeitig muss ich aber auch den neuen Kanal aufmachen, um halt die Kunden von heute dazu zu holen. Und das ist so gesehen auch einfach ein Problem, weil es die Komplexität für mich erhöht. Jahrelang hatte ich jemanden, der ins Telefon geht und jemanden, der die Faxe auswertet. Jetzt brauche ich auch noch jemanden, der einen Online-Shop pflegt, der tagesaktuelle Preise irgendwo im Internet pflegt und so weiter.

Also es wird mehr. Das ist ein Problem, das ist irgendwie auch schön, weil es gibt, ich habe mehrere Leute interviewt, die gesagt haben, Digitalisierung hat einfach mehr Arbeitsplätze bei uns geschaffen. Also ich denke da an das Interview mit dem Archäologischen Museum, die haben mir gesagt, naja, wir erreichen mehr Leute, also wir haben hochwertigere Ausstellungen. Klassisch Digitalisierung heißt, wir digitalisieren unser Archiv und wir wissen eigentlich viel mehr, was wir im Keller liegen haben.

wir haben aber auch

die Möglichkeit irgendwelche coolen IoT-Objekte in die Ausstellung zu machen und das Ganze greifbarer und anfassbarer zu machen und wir können riesen Social Media Kampagnen machen und auf einmal kommen Leute aus München zu uns, die gesagt haben, das sah so cool aus, dass ich mich zugesetzt habe die hätten die vor 20 Jahren nie erreicht weil es keinen Sinn gemacht hat in der Münchner U-Bahn Plakate zu schalten für eine Ausstellung im Hamburger Museum Das heißt, da sind einfach neue Stellen entstanden, ohne dass irgendwas Altes weggefallen ist. Die alten Drucker von Wer liefert was? mussten sich anpassen oder gehen. Also auch da, es gibt nicht die eine Antwort. Es gibt die Bereiche, wo es einfach nur Vorteile hat.

Es gibt die Bereiche, wo es irgendwo Scherben gab.

Ja, und die Komplexität, also gerade jetzt als Mutter von einem Kleinkind und Unternehmensgründer und weiß ich nicht, was ich gerade noch alles bin, das tut ja irgendwann auch weh. Also als Mensch im Kopf zu viel Komplexität, irgendwann reicht es. Und auch das ist ja irgendwie ein Problem, mit dem man zumindest lernen muss, umzugehen. Wenn man es irgendwo vereinfachen kann, ist das auch schön. Aber es gibt ja viele Detox-Geschichten oder sowas. Also dieses Digital Detox-Stichwort. Und irgendwie auch da müssen die Menschen schon wieder wachsen und gucken, wie kommen sie dann dann auch klar. Also nicht nur, weil es jetzt mehr Stellen und mehr Aufgaben gibt, sondern weil der Einzelne dann auch so viel Komplexität hat.

Hast du noch irgendwas der Vollständigkeit halber, dass als Abschluss was zu deiner, was ist eigentlich Digitalisierungsfrage fehlt? oder bist du mit deinem Rundumblick soweit?

Also ich glaube, im Wesentlichen habe ich die Themen alle irgendwie genannt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass das alles vielleicht ein bisschen negativ und unenthusiastisch rübergekommen sein mag. Vielleicht kann ich da ein abschließendes Wort zu sagen.

Genau, also das habe ich auch gerade gedacht. Also dieses, warum arbeitest du nochmal in diesem Bereich? Und was hilft dir in deinem Privatoptimismus noch zu glauben, dass alles gut wird?

Warum arbeite ich in diesem Bereich? Ich wusste irgendwo in der Grundschule, dass ich mal Software machen will. Also dieses Thema Softwareentwicklung ist schon immer Teil der...

Das ist einfach dein Nerdtum, Digitalisierung hin oder her.

Ja, genau. Mit zehn kannte ich das Wort Digitalisierung noch nicht, aber ich habe das da schon angefangen. Nein, also ich finde es unglaublich faszinierend und ich baue wahnsinnig gerne Produkte. Und in anderen Zeiten wäre ich vielleicht Schmied geworden und heute bin ich halt Softwareentwickler. In einer Software-Schmiede? Genau, in unserer ganz eigenen Software-Schmiede. Also ich mache das gerne und ich glaube, dass sich damit ganz viel Gutes anrichten lässt. Also unser Leben wird dadurch an ganz, ganz vielen Stellen einfacher, besser und schöner. Und was ich, glaube ich, versucht habe, so ein bisschen in diesen vielen Beispielen zu sagen und Dinge zu relativieren, Digitalisierung ist so ein Riesenangstthema.

Also gerade wenn man mit deutschen Mittelständlern redet, dann ist das in der Regel ein Angstthema. Und natürlich gibt es die Beispiele, an denen diese Angst einfach berechtigt ist. Und auf jeden Fall ist es so, dass unser Leben immer schneller und immer komplexer und immer komplizierter wird. Und damit muss man irgendwie lernen, umzugehen. Und gleichzeitig wird aber vieles durch die Medien, durch die Kollegen, die man hat, durch die Angst, die wir haben, ganz schön hochgepusht. Und an vielen Stellen ist es gar nicht so schlimm, wie es aussieht. Und letztendlich, ich meine, einer meiner Lieblingssprüche ist, we always fear what we don't understand, was mal ein Batman wohl gesagt haben soll. Also Digitalisierung verursacht ganz viel Unsicherheit.

Und in dem Moment, wo wir irgendwas nicht verstehen, haben wir Angst davor. Und vielleicht ist das unser Beitrag, den wir hier gerade leisten können, dass wir diese Geschichten sammeln, dass wir ein bisschen verständlicher machen, was das eigentlich ist, was dahinter steckt und was es eben auch alles nicht ist. Also ich glaube schon, dass alles gut wird und ich glaube, dass wir auf eine Welt zu steuern, in der immer mehr Menschen ein gutes Leben leben können.

Und du glaubst daran, dass die Softwareentwickler zu ihrer Verantwortung finden, rechtzeitig.

Ja, zumindest werden wir unseren Beitrag dazu leisten.

Ja, stets bemüht. Ja. Okay, dann komme ich jetzt zu deinen eigenen Schlussfragen und werde dich jetzt dazu befragen. Moment. Was ist das größte Problem, das als nächstes im Rahmen der Digitalisierung angegangen wird?

Ja, das ist unser Softwareentwicklungsprozess, würde ich sagen. Ich habe es eben schon so ein bisschen angerissen. Also wir sind ein relativ überschaubares Team aus festangestellten Leuten und wir können mit diesem Team schon echt coole Sachen reißen. Und wir nutzen digitale Plattformen und digitale Kommunikationsprozesse und Tools, um Remote Freelancer projektbasiert einzusammeln und mitzunehmen. Und das funktioniert schon gut. Und um das noch ein Stück weiter zu skalieren, möchte ich diese Prozesse mehr digitalisieren. Momentan ist das viel Handarbeit und ich möchte da ein bisschen zusammenhängendere Toolchains schaffen und ein bisschen mehr unsere Prozesse auf eine Weise dokumentieren, dass es reproduzierbarer wird, damit wir für unsere Kunden, für die wir coole Sachen bauen, noch mehr, noch bessere Sachen bauen können.

Also den Prozess sozusagen wasserfest machen.

Genau.

Auf eine Weise. Ganz genau. Bin ich dabei. Sehr gut. Oh, die hilfreichste Quelle zum Thema Digitalisierung. Also ich rechne jetzt mit 100. Aber du hast was vorbereitet.

Ich habe da mal was vorbereitet. Also es werden nicht 100. Im Wesentlichen möchte ich jetzt einfach das ein bisschen wiederholen, was ich über die letzten Monate gelernt habe. Also es gibt da draußen Blogs ohne Ende und wir haben eine Quellenseite. Ich glaube, das habe ich auch noch nie erwähnt, zumindest nicht in den Interviews. Wir haben auf wegederdigitalisierung.de eine Quellenliste, in der wir all das zusammentragen, was uns in den Interviews empfohlen wird. Das ist ein Anfang, würde ich sagen.

Wir haben sogar eine Twitterliste, der man folgen kann. Da sind nochmal so ein paar Experten, die auch genannt wurden.

Genau. Wir haben sogar zwei Twitterlisten. Eine mit den Leuten, die wir interviewt haben. Und eine mit den Leuten, die uns empfohlen wurden, die coole Sachen zu erzählen haben. Also damit könnte man anfangen. Und dann gibt es eine Reihe von Büchern, die mir empfohlen wurden, die ich gelesen habe, die für mich nochmal neue Perspektiven eröffnet haben. Das Erste ist Silicon Germany. Das finde ich besonders spannend, weil es, wie der Titel schon irgendwie sagt, so ein bisschen guckt, was hat Deutschland eigentlich für Probleme bei der Digitalisierung, gerade wenn man das Gefühl hat, dass eigentlich alles aus dem Silicon Valley heute kommt. Und das hat mir geholfen, ganz viel zu verstehen über Deutschland, über deutsche Wirtschaft, über unsere Stärken auch.

Also wir stellen uns immer so dar, als hätten wir einfach nur Probleme und den Schuss nicht gehört. An ein paar Stellen stimmt das auch, aber an ganz vielen auch nicht. Und in diesem Buch erklärt der Christoph Käse, wie das eigentlich so funktioniert. Und das ist ein sehr, sehr cooles Buch, das ich unbedingt empfehlen möchte. Und dann, das ist mir nicht empfohlen worden, das habe ich mal selbst irgendwo gefunden. Und dann ist das Thema Plattformen heute ein Nenvis-Buzzword. Also alle reden darüber, dass man Plattform sein möchte oder müsste oder dass sowieso alles zu Plattformen wird. Dazu habe ich zwei Bücher gelesen. Das eine heißt Platform Revolution und das andere heißt Matchmakers. Und darin wird dieses Konzept der Plattform ganz gut erklärt.

Und zwar einerseits, wie funktioniert das heute? Und andererseits, was ich ganz erhellend fand, das Geschäftsmodell der Plattform ist schon Jahrtausende alt. Also Marktplätze sind Plattformen und die gab es schon immer. Jetzt sind die letztendlich durch unsere digitalen Mittel heute einfach nur turbocharged. Aber eigentlich ist das nicht neu. Trotzdem ist das ganz hilfreich, weil man da irgendwie so ein bisschen erfährt, wie funktioniert dieses Plattform-Business heute? Und wo müssen wir Angst haben und wo auch nicht. Und dann habe ich hier drei Bücher noch, die in unterschiedlichen Interviews empfohlen wurden. Und zwar zwei von Andrew McAfee und Eric Brinkjofsen. Und das ist Machine Platform Crowd und Second Machine Age.

Die bauen so ein bisschen aufeinander auf. die erklären im Prinzip, wie diese Zeit gerade funktioniert. Also wie unsere heutige Zeit funktioniert, wie diese technischen Sprünge zusammenhängen. Und das Dritte geht auch in die gleiche Reihe, das heißt The Fourth Industrial Revolution von Klaus Schwab. So und letztendlich geht es halt darum, dass wir unterschiedliche technische Revolutionen hatten, von der Dampfmaschine über Massenfertigung und heute haben wir halt diese Digitalisierung. Und diese Bücher geben so einen sehr guten historischen Einblick, wie sich die Welt jeweils verändert hat durch das Erstarken einer bestimmten Technologie. Und wir stehen tatsächlich wieder an so einem Wendepunkt und das ist die exponentielle Verfügbarkeit von digitalen Technologien.

Okay, also da geht es um Trendforschung, Zukunfts...

Ja, also weniger Trendforschung, mehr wirklich das Gesamtbild verstehen.

Achso, also der Ausblick ist dabei gar nicht so sehr im Vordergrund.

Nee, genau. Es geht eher darum zu gucken, was war schon alles da. Also das finde ich auch so ein bisschen beruhigend, weil diese großen technischen Umbrüche halt auch nicht neu sind. Also jetzt erleben wir gerade wieder einen, aber es ist halt schon der vierte. Und sicherlich ist der Impact heute ein ganz anderer, als er mit der Dampfmaschine war. Wobei es glaube ich einfach nur darum geht, dass es schneller ist. Also ich glaube, die Dampfmaschine hat die Welt genauso umgekrempelt wie heute das Internet. Nur hat es länger gedauert.

die Dampfmaschine hat die Leute von heute nicht so umgekrempelt, wie das Internet die Leute von heute umkrempelt, also es ist ja auch eine, wir sind jetzt hier und es ist subjektiv das Ding irgendwie

aber, ja, aber der Punkt ist das war damals nicht anders, genau

das finde ich spannend

genau also diese Bücher fand ich sehr empfehlenswert ich könnte jetzt noch 20 andere empfehlen, die ich auch ganz cool fand, aber also die haben mir geholfen, vielleicht im nächsten Wrap-Up Genau. Beim 48. Interview gibt es die nächsten fünf Bücher.

Ja, ich bin ja die Hüterin der Quellenliste. Ich werde das alles mal so einbauen. Und dann kann man das auch auf Wege der Digitalisierung auf der Quellenliste und auf den Shownotes zu diesem Interview nachlesen. Letzte Frage. Ich meine, du darfst dir eh die Interviewpartner aussuchen, aber du wolltest diese Frage hören. Welchen Gast würdest du dir denn wünschen in Zukunft?

Ja, also als erstes habe ich ja noch 22 Wünsche offen, die ich einlösen muss. Mit dem Christoph Birkel habe ich ja zumindest einen dieser Wünsche schon umgesetzt. Die anderen 22, teilweise sind sie machbar, teilweise nicht. Ich bin da dran. Das wird. Ich habe selber zwei Wünsche. Und der erste, ich muss gestehen, ich weiß immer noch nicht, wie man den Namen ausspricht, Christoph Kiese, das ist der Autor dieses Buchs Silicon Germany. soweit ich das weiß, lebte in Berlin. Mir hat dieses Buch völlig neue Augen eröffnet. Und mit dem würde ich gerne mal eine Dreiviertelstunde über dieses Thema reden und die Fragen, die sich für mich aus dem Buch ergeben haben, nochmal in diesem Kontext diskutieren.

Und der zweite Wunsch ist einer, der erstmal nicht intuitiv mit Digitalisierung zu tun hat. Und zwar ist das Marc-Uwe Kling.

Ja, schönes Ding.

Und zwar weiß ich nicht, ob irgendjemand, der hier zuhört, doch von ein paar Stammhörern weiß ich, dass sie den kennen. Aber Marc-Uwe Kling hat die Kängurukroniken geschrieben. Und das sind unglaublich witzige Bücher. die haben überhaupt nichts mit Digitalisierung zu tun, außer dass der eine Protagonist Technik Tourette hat. Also ich glaube, das ist so der einzige Hang zur Digitalisierung. Aber Marc-Uwe Kling hat letztes Jahr, Ende letzten Jahres, ein neues Buch veröffentlicht, und zwar Quality Land. Und das ist eine sehr düstere Satire, die unsere heutige Welt mit den digitalen Plattformen mal ein Stück weiter denkt. Und so wie, glaube ich, Big Brother in den 80ern oder wann auch immer das Buch erstmals erschienen ist, eine wirklich düstere Vorausschau gemacht hat, was uns so ereilen könnte, hat Marc-Uwe Kling unsere heutige Internetwelt sehr auf die Schippe genommen.

Und es ist einfach nur zum Schreien komisch, aber auch ein bisschen beängstigend. Und da er, glaube ich, ein sehr witziger Typ ist, wir haben ihn schon live bei einer Lesung gesehen, würde es mich einfach persönlich interessieren, mal einen Moment mit ihm zu reden. Und ich glaube, dass er sich aber durch dieses Buch auch sehr mit den Sorgen und Ängsten befasst hat.

Du hast gesagt, es ist gut recherchiert.

Es ist extrem gut recherchiert. Es ist nebenbei auch einfach nur lustig. Und das wäre für mich persönlich ein Highlight, mit dem Menschen mal einen Moment Auge in Auge reden zu können.

Ja, also die Folge wird dann ein Ohrenschmaus wahrscheinlich. Ja, fantastisch. Ein Wort zum Sonntag? Hast du noch eins?

Dies war das 24. Interview Ich hatte bisher sehr viel Spaß Ich habe ganz viel gelernt

Ich auch, aber noch nicht wie man Autos spricht, mach gerne weiter

Ich hoffe, dass noch viele, viele spannende Interviews kommen dass es weiterhin viel zu lernen gibt Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass wir einen Punkt erreichen, wo es nicht mehr zu lernen gibt Ich würde mich freuen, wenn es mehr Kommentare gäbe. Also ich bekomme gelegentlich E-Mails und ich höre im persönlichen Gespräch, dass es Stammhörer gibt, die uns gerne zuhören. Aber der Blog selber ist noch so ein bisschen verwaist. Also falls ihr da draußen Kommentare dazu habt, schreibt sie auch gerne in den Blog, dann fühlt sich das ein bisschen lebendiger an. Ansonsten bedanke ich mich fürs Zuhören und Ich freue mich darüber, dass es tatsächlich Interesse an uns hier gibt.

Ja, unheimlich. Und vielen Dank, dass ich auch mitmachen durfte. Es macht sehr viel Spaß. Dann bis zum nächsten Mal. Musik