E80: Wie funktioniert Bildung in digitalen Zeiten? – Anja Wagner (Frolleinflow)

Wir müssen lernen, Disruptionswellen zu begegnen

Wie können sich Menschen neues Wissen am besten selbst aneignen? Was motiviert sie zum Lernen? Und was zeichnet gute digitale Lehre aus?

Das sind einige der Fragen, mit denen sich Anja Wagner seit gut 25 Jahren befasst. Die selbsternannte „Bildungsquerulantin“ hat viele Jahre in Agenturen gearbeitet und Konzerne, Mittelständler, Städte und Kommunen in Sachen Bildung, Lernkultur und Arbeitsorganisation beraten. Sie hat an der Hochschule gelehrt und zum Thema „User-Experience in benutzergenerierten Lernumgebungen“ promoviert. Und schließlich hat sie mit Frolleinflow eine eigene digitale Bildungsagentur gegründet, um ihre Kunden fit zu machen, was innovative Bildungsangebote, kreative Medienkonzepte, neue Arbeitsprozesse und digitale Kompetenz betrifft.

Im Interview mit Nils erzählt sie, warum das aktuelle Bildungssystem eine Grundsanierung benötigt und Zertifikate zunehmend an Bedeutung verlieren, wieso es heute wichtiger denn je ist, sich selbst kontinuierlich weiterzubilden und welche Skills jetzt und in Zukunft wirklich zählen.

Die beste Lernumgebung? Das Internet!

Für Wagner steht fest: Das deutsche Bildungssystem ist veraltet. Denn es wurde für das 20. Jahrhundert entwickelt und entspricht schlicht nicht mehr den Anforderungen, die das 21. Jahrhundert stellt. Dabei geht es weniger um das Curriculum, das überarbeitet werden müsste, als vielmehr darum, den Menschen eine geeignete Infrastruktur zum Lernen zur Verfügung zu stellen. Denn die Art, wie wir lernen, hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch geändert.

Das Internet, davon ist Wagner überzeugt, bietet grundsätzlich die „beste Lernumgebung, die man sich vorstellen kann“, damit Menschen sich selbst Wissen aneignen, eigenständig lernen und dabei „in den Flow kommen“ können. Einer der Hauptgründe dafür: Es ermöglicht eine Demokratisierung, weil sich Menschen informieren können, ohne dass die Inhalte durch Lehrende oder andere Instanzen vorgefiltert werden. Sie können sich dort völlig frei bewegen und „sich selber upskillen“, so Wagner.

Das Problem dabei: Die wenigsten Menschen haben gelernt, die digitalen Möglichkeiten richtig für sich zu nutzen. Deshalb müsse es Aufgabe unseres Bildungssystems sein, die Menschen dabei zu unterstützen, sich selbstständig weiterzubilden und sich immer wieder neu ausrichten zu können. Ziel müsse es sein, die Menschen adäquat auf die immer schneller auf uns zurollenden Disruptionswellen vorzubereiten.

Das aktuelle Bildungssystem ist zu träge

Weil sich der Arbeitsmarkt massiv verändern werde, müssten sich auch die Menschen immer wieder wandeln, um Schritt halten zu können. Und genau das sei am besten über das Internet möglich. Die formalen Bildungsinstitutionen hingegen würden den neuen Ansprüchen schon deshalb nicht gerecht, weil sie viel zu träge seien. Schließlich dauere es zum Teil sehr lang, bis ein neues Curriculum entwickelt, zur Zertifizierung ausgeschrieben und schließlich akkreditiert ist: „Bis der Prozess durch ist“, so Wagner, „ist das Thema ja schon erledigt.“

Weil die Skills in der Bevölkerung aber genau in dem Moment gebraucht werden, in dem der Bedarf entdeckt wird, muss es schnellere Möglichkeiten geben, diesen Bedarf zu decken, als langwierige Aus- und Weiterbildungsprogramme, die zum Teil erst entwickelt werden müssen. Genau dieses Problem kann das Internet heute schon lösen. Vor allem die USA gehen hier mit gutem Beispiel voran: Anstatt die eigenen Mitarbeiter erst in langen Prozessen mit den neuen Skills auszustatten, suchen sich die Firmen Freelancer über Plattformen wie Fiverr oder Upwork, die sich das Wissen bereits angeeignet haben – und zwar oft selbstständig auf digitalem Wege.

Weg von der Angestellten-Kultur hin zur „Maker-Mentalität“

Unser Bildungssystem muss die Menschen aber nicht nur mental darauf vorbereiten, sich selbst immer wieder neues Wissen anzueignen und sich fortzubilden. Es muss laut Wagner auch die passende Infrastruktur dafür bereitstellen. Neben der technologischen Ebene sei dabei auch die soziokulturelle Ebene entscheidend. In diesem Zusammenhang hält Wagner das projektorientierte Arbeiten und auch die Idee der Lernregionen für besonders vielversprechend. Bei diesen Ansätzen geht es darum, vorhandene Ressourcen zu bündeln, gemeinsam an Problemen und Projekten zu arbeiten und wegzukommen von den aktuellen Wissens-Silos.

Zu guter Letzt müsse unser Bildungssystem auch mithelfen, dass Menschen Zutrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten entwickeln. Wir seien „so eine furchtbare Angestelltenkultur in Deutschland“ und auch das Bildungssystem sei genau darauf ausgelegt, so Wagner. Dabei brauche es viel mehr „transformativ denkende Menschen“, die gemeinsam etwas unternehmen und etwas Neues aufbauen wollen. Das Bildungssystem sollte deshalb auch eine gewisse „Maker-Mentalität“ fördern, um Menschen dabei zu helfen ihren eigenen Weg zu gehen – oder ihn sich gegebenenfalls selbst zu erschaffen. Wenn diese Menschen sehen, dass es keinen Job für sie gibt, dann müssten sie lernen, sich den passenden Job eben selbst zu kreieren.

Die Corona-Krise als Katalysator

Gerade die Corona-Krise könnte hierbei laut Wagner ein wichtiger Katalysator sein. Denn die digitale Bildung würde dadurch einen enormen Schub bekommen. Wichtig sei , sich klar zu machen, dass man alle Möglichkeiten habe und nicht auf irgendwelche Weiterbildungsangebote warten müsse. Man solle die Dinge schon selbst in die Hand nehmen.

Wagners aktuelles Projekt dürfte übrigens noch mehr Mut machen, einfach mal loszugehen und Sachen anzupacken. Denn in dem Buch, das sie derzeit schreibt, geht es darum, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Abschlüsse und Zertifikate hat. Um diese zu erhalten, müssten die Menschen schließlich sehr häufig Unmengen an letztlich unnützem Wissen lernen. Viel wichtiger sei es, die richtigen Sachen im richtigen Moment zu lernen. Das Buch soll deshalb aufzeigen, dass es auch anders geht als bisher. Der vielversprechende Arbeitstitel: „Das Ende der Zertifikate“.

Links aus dem Interview

Anja Wagner online

  • FROLLEINFLOW – Institut für kreative Flaneure
    Wir sind eine digitale Bildungsagentur, die für das 21. Jahrhundert steht. Wir arbeiten mit unseren Kund*innen zusammen, um ihre Institutionen oder Netzwerke mit erstklassigen modernen Bildungsangeboten, kreativen Medienkonzepten, zeitgemäßen Arbeitsprozessen, digitaler Kompetenz und allem, was dazwischen liegt, vertraut zu machen und voranzubringen.
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Buchtipps

  • B(u)ildung 4.0: Wissen in Zeiten technologischer Reproduzierbarkeit
    Dr. Angelica Laurençon, Dr. Anja C. Wagner
  • Kultur der Digitalität
    Felix Stalder
  • Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert
    Jessica Bruder

Webtipps

  • Upwork
    einer der größten Freiberufler-Marktplätze weltweit für den englischsprachigen Raum
  • Fiverr
    Online-Marktplatz für digitale Dienstleistungen

Zu diesem Gespräch passende Episoden & Tipps von Wege der Digitalisierung

2 Gedanken zu „E80: Wie funktioniert Bildung in digitalen Zeiten? – Anja Wagner (Frolleinflow)“

  1. Hallo Nils,

    interessantes Gespräch mit Anja Wagner über das nicht mehr zeitgemäße Bildungssystem. Sie vertritt schon eine radikale Ansicht, was die Reformierbarkeit des Bildungssystems betrifft, wenn ich sie da richtig verstehe. Ich hätte mir ein bisschen mehr praktische Vorschläge gewünscht, wie man das System von innen heraus transformieren kann. Aber sie hat ja auch gesagt, dass sie an Schulentwicklung eher wenig Interesse hat. Vielleicht könnten wir die Digitalisierung im Bildungsbereich ein bisschen weniger disruptiv und ein bisschen mehr als gestaltbare Handlungsoption begreifen. 😉

    Stalder fände ich auch sehr interessant als nächsten Gesprächspartner. Ich habe sein Buch auch noch auf meinem Stapel der Bücher, die ich irgendwann mal lesen wollte. ^^

    Liebe Grüße
    Max

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