E7427.05.2020
Welchen Nutzen hat Agilität in konservativen Gebieten wie der Umformtechnik?
Im Gespräch: Enno Stöver (HAW)

Worum es geht
Enno Stöver, Professor an der HAW Hamburg, erklärt, wie Agilität in der Umformtechnik funktioniert.
Enno Stöver ist Professor für Maschinenbau und Produktion an der HAW Hamburg. Sein Spezialgebiet ist die Umformtechnik, insbesondere Tiefziehen. Er beschäftigt sich mit der Anwendung agiler Methoden in einem traditionellen, konservativen Bereich des Maschinenbaus.
Agilität wird in der Umformtechnik durch iterative Prozesse und User Stories eingeführt. Werkzeuge werden nicht mehr als endgültig geplant, sondern als Prototypen für Sprintphasen genutzt. Dies ermöglicht frühes Kundenfeedback und reduziert Entwicklungszeiten.
Stöver betont die Bedeutung von Transparenz und Ehrlichkeit im Prozess. Er nutzt digitale Tools wie RFID und Product-Lifecycle-Management, um Dokumentation zu minimieren und nur notwendige Daten zu speichern. Das Ziel ist Lean-Prinzipien mit agilen Methoden zu verbinden.
Die Digitalisierung der Lehre an der HAW Hamburg hat sich durch Corona beschleunigt. Präsenz-Labore werden durch asynchrone Formate und digitale Kurse ergänzt. Die Stimmung ist positiv, viele digitale Lösungen sollen auch nach der Krise bestehen bleiben.
Ursprüngliche Shownotes 27.05.2020
Agiles Arbeiten – das verbinden die meisten mit Start-Ups, jungen Branchen und insbesondere mit der Softwareentwicklung. Doch Agilität kann in allen Unternehmen, Branchen und Bereichen genutzt werden – auch in sehr traditionellen.
Wie das geht, zeigt Enno Stöver. Er ist Professor für Maschinenbau und Produktion an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Sein Spezialgebiet ist die Umformtechnik. Ein Thema, das ihn dabei ganz besonders interessiert, ist die Frage, wie man mehr Agilität in diesen relativ konservativen Bereich des Maschinenbaus bringen kann.
Zeitaufwendig und kostenintensiv
Mit dem Begriff der Umformtechnik verbinden die meisten Menschen Stahl- und Walzwerke, wie sie insbesondere im Automobilbau zum Einsatz kommen. Grundsätzlich gilt Umformtechnik als ein Bereich, der von sehr starren Prozessen und einer vergleichsweise unflexiblen Produktion geprägt ist. Denn viele Werkzeuge, die in der Umformtechnik Anwendung finden, passen nur zu exakt einem Bauteil: „Das heißt, ich habe eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Werkzeug und Werkstück“, erklärt Stöver. Das wiederum habe einen äußerst aufwendigen Entwicklungsprozess zur Folge, der sowohl sehr kosten- als auch zeitintensiv sei. Gerade dieser lange Entwicklungsprozess bietet laut Stöver aber eine große Chance für mehr Agilität durch Sprint, Scrum und Iteration.
Anwenderfokus, Beschleunigung und Transparenz
Dennoch sind viele Kunden im Hardware-Bereich immer noch skeptisch, was Sinn und Nutzen des agilen Vorgehens betrifft. Deshalb ist es laut Stöver umso wichtiger, den Kundenbezug ganz klar in den Vordergrund zu stellen. Wenn er beispielsweise User Stories formuliert, konzentriert sich Stöver daher ganz konkret darauf, welchen Vorteil ein spezifisches Werkzeug für den späteren Anwender bietet. Diese Fokussierung auf den, der das Werkzeug schließlich tatsächlich benutzt, sei bereits ein entscheidender Vorteil der Agilität.
Darüber hinaus kann Agilität den gesamten Entwicklungsprozess massiv beschleunigen. Denn durch das agile Vorgehen kann ein entwickeltes Werkzeug schon für die Produktion genutzt werden, während es parallel dazu weiterentwickelt und optimiert wird. Außerdem entfällt die überbordende Dokumentation: Man kommt schneller ins Tun und sieht direkt in der Anwendung, ob etwas funktioniert oder ob es angepasst werden muss.
Ein letzter, entscheidender Vorteil der Agilität ist die Transparenz. Viele Projekte würden ursprünglich ohne iterative Schleifen geplant und müssten diese dann nachträglich einbauen. Viel sinnvoller sei es deshalb, von vornherein mit iterativen Schleifen im Sinne eines agilen Projektmanagements zu planen. Auf diese Weise würde man nämlich nicht nur schneller zum Ziel kommen, sondern sich auch viel Stress ersparen.
Links aus dem Interview
- Enno Stöver bei Twitter: @ennostoever
- Lernort Digitale Umformtechnik bei Twitter: @formum_ipt
- Reibspindelpresse bei Twitter: @Presse_im_LDU
Kanal einer 5000Nm-Reibspindelpresse (Baujahr 1986), die im Lernort Digitale Umformtechnik an der HAW Hamburg steht - Lernort Digitale Umformtechnik bei der HAW Hamburg
- WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH
Als führender Partner des Werkzeugbaus in den Geschäftsfeldern Industrieberatung, Weiterbildung und Forschung stellt die WBA die Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie her - Corporate Tooling: Agil Tool Development (PDF)
Paper der Aachener Werkzeugbau Akademie zur agilen Werkzeugentwicklung
Transkript
3.730 Wörter
Automatisch erstellt (Whisper), nicht korrigiert. Namen und Fachbegriffe können falsch geschrieben sein. Ein Klick auf eine Zeitmarke springt im Player dorthin.
Hallo und herzlich willkommen zur 74. Episode des Podcasts Wege der Digitalisierung. Trotz Corona mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand sitzt mir gegenüber Enno Stöver. Enno ist Professor für Maschinenbau und Produktion an der HAW. Kennengelernt haben wir uns, glaube ich, mehrfach zufällig, relativ zeitnah, Dass ich ihn zu einem Podcast überreden konnte, ist passiert letzten Herbst, als er einen Vortrag an der Handelskammer gehalten hat unter dem Titel Agile Meets Science, weil er sich neben ganz vielen anderen spannenden Themen damit befasst, wie man Agilität in den Maschinenbau, speziell in die Umformtechnik bekommen kann. Und da das irgendwie auch unter das Stichwort Digitalisierung fällt, wollen wir da heute ein bisschen drüber reden.
Toll, dass du dich auf den Weg gemacht hast, dass wir uns hier face-to-face sehen können. Das ist ja ganz selten in heutigen Tagen. Herzlich willkommen und stell dich gerne nochmal selbst vor. Wer bist du? Was machst du? Was hast du mit Digitalisierung am Hut?
Herzlichen Dank, dass ich heute hier sein darf. Enno Stöver, ich bin Professor für Produktionstechnik an der HAW Hamburg, also der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Dort im Department Maschinenbau und Produktion und Lehre im Themenbereich Umformtechnik. Umformtechnik ist ja eigentlich ein relativ konservatives Feld des Maschinenbaus. Damit verbinden viele Leute die Stahlwerke, die Walzwerke insbesondere. Es betrifft viel den Automobilbau. Und insofern ist das auch ein Bereich, der im Moment natürlich stark im Fokus steht. Und trotzdem sind diese Technologien, die vor vielen Jahrzehnten ihren Ursprung in der Entwicklung nahmen, auch heute noch sehr sinnvoll in der Anwendung. Das Themenfeld, mit dem ich mich da viel beschäftige, ist halt Tiefziehen zum Beispiel, wo viele Menschen Produkte kennen aus dem Kosumgüterbereich, Beispielsweise die in Hamburg durchaus bekannte Nivea-Dose, die blaue Metalldose von Beiersdorf wird tiefgezogen und ist ein typisches Produkt der Umformtechnik.
Ja, dann denke ich, also vorstellen kann sich das wahrscheinlich jeder. Ich meine, jeder kennt ein Auto, jeder hat schon mal so eine Nivea-Dose gesehen. Was jetzt genau Umformtechnik ist, kann wahrscheinlich nicht jeder beschreiben. Aber wie passt Agilität da rein? Also agil verbindet man mit Softwareentwicklung. Das ist etwas, was auch als Buzzword genauso wie Digitalisierung gerne herangezogen wird, ohne zu wissen, wovon man da redet. Alles muss agil werden. Aber wie bekomme ich so eine Umformtechnik? Also wo habe ich überhaupt Chance, Agilität im Kontext der Umformtechnik anzuwenden?
Ich würde die Frage sogar noch ein kleines Stück drehen. Wo hat Agilität eine Chance und wo ist sie vielleicht in Zukunft sogar ein Muss? Wo muss eventuell sogar Agilität rein? Umformtechnik wird verbunden mit starren Prozessen. Gilt als relativ unflexibel, insbesondere weil bei vielen Produkten der Umformtechnik gilt, dass das Werkzeug, was zum Umformen verwendet wird, genau zu einem Werkstück, also zu einem Bauteil passt. Das heißt, ich habe eine 1 zu 1 Beziehung zwischen Werkzeug und Werkstück. Und das bedingt, dass wir sehr aufwendige Entwicklungsprozesse der Umformwerkzeuge haben. Aufwendig heißt in diesem Fall zum einen kostenintensiv, verbunden mit hinterher hohen Investitions- und Fixkosten für die Werkzeuge und auf der anderen Seite aber auch aufwendig, was die Durchlaufzeit des Entwicklungsprozesses angeht.
Und ich glaube, da ist die große Chance für die Agilität, da ist die große Chance für Sprint, für Scrum, reinzugehen und einen eher iterativen Prozess, vielleicht sogar einen Prozess, der heute ohnehin iterativ läuft, aber häufig nicht so geplant iterativ läuft, dort die Agilität reinzubringen.
Ich habe selber wenig Maschinenbauerfahrung, aber ich habe eine sehr ähnliche Erfahrung. Ich habe damals meine Diplomarbeit zum Beispiel geschrieben über das Thema Lean-Aspekte im Entwicklungsprozess für eingebettete Systeme. Meine Welt war dann oft die Schnittstelle zur Elektronikentwicklung, auch wenn ich die Software dann geschrieben habe. Und ich kenne die klassischen Totschlag-Argumente, mit der Hardware geht das nicht, Punkt. Und da trifft man dann auf Leute, das ist deren Meinung und da kann man dann erstmal auch nicht viel gegen tun. Wie trittst du dem entgegen? Also ich vermute mal, die Problemstellung ist bei euch eine ähnliche. Was ist denn der Nutzen, den du einfach zeigen kannst, damit die Leute sich dem öffnen?
Ich glaube, es sind ganz wesentliche Aspekte der Agilität, wie sie ja zum Beispiel auch im agilen Manifest der Softwareentwicklung drinstehen. Also das Erste, was ich versuche, ist von vornherein klarzumachen in der Formulierung zum Beispiel von User Stories, dass wir einen ganz klaren Nutzen, einen ganz klaren Kundenbezug herstellen müssen. In unserem Fall kann der Kunde dann auch derjenige sein, der zum Beispiel bezogen auf ein Umformwerkzeug hinterher an der Maschine das Werkzeug nutzt. Alleine schon mal so die Anforderungen an ein Werkzeug ganz fokussiert auf denjenigen, der hinterher der Anwender ist, zu bringen, schon ein erster Punkt, wo die Agilität einen Nutzen reinbringt. Der zweite Punkt, das Argument, ich verschärfe das nochmal, zu mir kommen dann immer Leute und sagen, ich kann ja kein Auto ohne Türen ausliefern.
Ja, vielleicht geht es gar nicht darum, das Auto ohne Türen auszuliefern, aber vielleicht sind es erstens noch nicht die optimalen Türen, könnte eine Möglichkeit sein. Zweite Möglichkeit könnte aber auch sein, dass es noch nicht die optimalen Werkzeuge im Prozess sind, sondern Werkzeuge, die vielleicht noch Verschleiß unterliegen, die noch keine 100.000 Stück Werkstücke schaffen, sondern vielleicht erstmal nur eine begrenzte Anzahl, aber die ausreichen, um für die nächste Sprintphase Werkstücke zu fertigen, die dann im Prozess weiterverwendet werden können und so ein Kundenfeedback des Serienteils ermöglichen. so eine Zeit überbrücken. Aber die Zeit, die sie überbrücken sollten, aus meiner Sicht, wo wir versuchen, die Agilität reinzubringen, bedeutet, dass wir die nächste Sprintphase zeitlich abdecken.
Und so in einen iterativen Verlauf kommen. Wir entwickeln ein Werkzeug, benutzen es und parallel zu der Nutzung des Werkzeuges, also zu einem Produktionsprozess, findet die Weiterentwicklung und Optimierung des Prozesses statt.
Also kann man vom Ende her gedacht im Prinzip sagen, Eigentlich ist es einfach eine schlaue Methode, den ganzen Entwicklungsprozess massiv zu beschleunigen.
Ja, am Anfang sieht es nur nach Beschleunigung aus. Am Ende sind da, glaube ich, aber mehrere Punkte, die passieren. Ein Punkt könnte zum Beispiel auch sein, Transparenz reinzubringen in den Prozess. Und ein zweiter, vielleicht etwas hart formuliert könnte sein, auch mal ehrlich mit sich selbst umzugehen. Also häufig genug erlebe ich es, dass solche Prozesse geplant werden, dass die Prozesse dann doch nicht das gewünschte Ergebnis bringen und man in iterative Schleifen reinläuft. Der ursprüngliche Gedanke war aber, dass man diese iterativen Schleifen nicht braucht. Wenn man sich dann mehrere solche Projekte anschaut und stellt fest, wir laufen ohnehin in iterative Schleifen rein, dann könnte ich auch vorne rein mit iterativen Schleifen im Sinne eines agilen Projektmanagements planen und komme so hinterher eigentlich ehrlicher zum Ziel und vielleicht ja auch mit dem halben Stress.
Ich finde, eine witzige Geschichte, die ich dazu mal gehört habe, war, da ging es tatsächlich um Automobilfertigung. Und ich glaube, es ging dann um Ford irgendwo auf dem amerikanischen Kontinent. Und die hatten in diesem ganzen Thema, als Lean so anfing, hatten sie einen Fertigungsleiter von Toyota irgendwie da? Nee, oder andersrum, die waren bei Toyota und haben sich das angeguckt. Und dann haben die Ford-Leute gefragt, hier am Ende der Prozess, wo der Typ mit dem Hammer kommt und die Tür einmal endgültig passend macht. Wo ist der bei euch? Und dann hat der Japaner gesagt, naja, wir konstruieren von vornherein so gut, dass keiner mit dem Hammer irgendwo drauf einschlagen muss. Gerade dieses Thema Ehrlichkeit mit sich selbst und Transparenz, das wäre ja eher darauf dann sogar.
Es geht gar nicht um die Beschleunigung am Ende.
Und du hast es jetzt schon ein paar Mal verwendet, dieses Wort Lean. Also ich glaube auch Lean ist etwas, was ja gerade aus dem Maschinenbau kommt. Tatsächlich muss man sagen, die Anfänge von Lean liegen auch häufig in den Presswerken der Automobilisten. Das heißt, Lean hat tatsächlich so einen Ursprung in der Umformtechnik. Und als ich begonnen habe, mich mit Agilität zu beschäftigen, musste ich feststellen, dass einige Elemente, die man im Lean Production System kennt, durchaus eine gewisse Ähnlichkeit auch zu agilen Projektmanagement haben. Und insofern finde ich Anknüpfungspunkte, wo wir auch durchaus unseren Maschinenbauern ganz gut erklären können, dass so etwas in einem Produktionssystem gut wirken kann.
Daneben gibt es natürlich einige Punkte, die im agilen Manifest einem Maschinenbauer, der Dinge umsetzen möchte, auch definitiv gut gefallen. Ich verweise nur mal auf diesen Punkt. Lieber ein vernünftiges Werkzeug haben als eine überbordende Dokumentation. Also solche Punkte gefallen natürlich auch gut, weil natürlich möchte man auch in das Doing kommen und die Dinge dann anwenden und in der Anwendung auch sehen, wie gut es funktioniert und dann den nächsten Schritt gehen können. Und nicht festhängen in Prozessen, die nachher auch dazu führen, dass man zeitlich vielleicht sogar aus dem Ruder läuft.
Das finde ich einen spannenden Punkt. Ihr seid ja über die HAW auch im Austausch mit realen Industriepartnern und probiert da Dinge. Wie wird denn gerade dieses Dokumentationsthema verstanden? Also ich kenne das aus dem Softwarebereich, also die Verfasser des Agile Manifests, die haben es ja total gut gemeint. Und da drin steht ja, wir bewerten laufende Software höher als ausführliche Dokumentation. Es wird dann ja oft uminterpretiert in, wir brauchen halt nicht mehr dokumentieren. Wird dieser Fehltritt, machen das die Maschinenbauer auch so oder?
Ja, es klingt einfach zu verlockend. Also man hat es eigentlich immer in der Diskussion. Ich versuche darauf, eine Antwort zu finden, die dann auch wieder was mit Digitalisierung zu tun hat. Weil das agile Projektmanagement an sich hat ja von seiner Methodik her keinen Zwang, auf Software angewendet zu werden. Aber es ist schon so, dass man feststellt, wenn ich das Thema Dokumentation besser in den Griff bekommen möchte, dann nützt es mir Digitalisierung. anzuwenden. Also viele Punkte, die mit der Dokumentation der Werkzeuge zu tun haben, könnte ich auch in Datenbanken, in digitalen Tools, über Daten auf RFID-Chips und über ein gutes Product-Lifecycle-Management abbilden. Und dann steht am Ende für mich halt tatsächlich die Frage, welche Daten eines Werkzeuges müssen tatsächlich vorliegen und wo speichere ich diese gut ab. Und da kenne ich eine ganze Reihe von Diskussionen, die dazu führen, dass wir an der Stelle weniger Dokumentation haben, sondern wirklich nur noch die, die wir wirklich brauchen. Also keine Dokumentation, klar, das führt am Ziel vorbei, vielleicht mit einem kleinen Leider, aber wirklich mal auch in den Prozessen dahin zu kommen, dass das dokumentiert wird, was wirklich notwendig ist und was im Sinne von Lean-Verschwendung ist, dann auch mal wirklich sein zu lassen.
Vielleicht kann man da ja auch, also ich habe es in einem, ich hole jetzt mal einen Satz weiter aus, in einem Interview ging es darum, um die Frage Demokratie, Freiheit und Digitalisierung. Und da wurde dann gesagt, demokratische Prozesse sind einfach extrem viel langsamer als die technische Entwicklung. Aber wir sind ja lernfähig. Also die Fehler, die wir gemacht haben, weil einfach die großen Plattformen sehr schnell waren mit dem Datenschutz, die werden wir bei der ganzen Augmented Reality VR-Welle aber schon aufgeholt haben. Vielleicht kommt euch da zugute, dass die Softwareentwickler schon seit 20 Jahren versuchen, ohne Dokumentation zu gehen. Dass wir gelernt haben, dass das nicht weder so gedacht war, noch eine gute Idee ist.
Ja, aber Dokumentation ist ja ein Punkt. Also alleine schon mal, wenn ich das Thema User Story nochmal aufgreife, also wirklich mal herauszustreichen, ich wende mich mal wirklich im Blick auf den, der hinterher das Werkzeug in der Hand hat. Derjenige, der es einbauen muss, der, der die Maschine rüsten muss, der, der es bedienen muss, der, der es warten muss, der, wenn was kaputt geht, mal daran arbeiten muss. Und wir haben das auch schon ausprobiert. Ich habe ein Studierendenteam mal genutzt. Die haben vier Studierende, die sich tatsächlich bei uns im Labor im Raum ein Tüdelchen als Sprintfaser eingeschlossen haben. Und die haben für uns ein Stanzwerkzeug konstruiert. Wir haben also ein einfaches Bauteil entworfen, was ein Blechbauteil wäre, das gestanzt werden muss.
Hinterher gebogen wird die Idee eines sogenannten Handyhalters. Also ich könnte mein Handy reinlegen und das Ladekabel geht durch diesen Halter in die Steckdose. Also ein sehr simples Bauteil. Und die Studierenden haben innerhalb von insgesamt sieben Tagen eine komplette CAD-Konstruktion gehabt für dieses Werkzeug. Und das hat mich überzeugt, dass man dieses auch weitertragen muss. Denn wenn die Studierenden zugegebenerweise mit wenig Erfahrung und weniger Expertise als eine Werkzeugbauabteilung eines Unternehmens zu diesem Ergebnis schon mal kommen kann, dann müsste das in der industriellen Umgebung auf jeden Fall zu guten Ergebnissen führen können.
Das hast du gerade schon Studierende gesagt und wir führen dieses Interview, während da draußen Corona immer noch nicht besiegt ist, obwohl auch eine Weile nicht besiegt sein wird. In deiner Funktion als Professor, wie äußert sich Digitalisierung da gerade? Also in der Schule und auch in den Universitäten. Wir sind alle gezwungen, auch unsere 16 Leute sitzen im Homeoffice. Aber das ist ja so gerade für euch eine noch ganz andere Herausforderung.
Ich glaube, wir machen gerade das steilste und ambitionierteste Weiterbildungsprogramm, was ich je genutzt habe. Wir bieten die Lehre digital an. Das heißt in dem Fall, dass die Vorlesung, also die reinen Lehrveranstaltungen, der sogenannte seminaristische Unterricht, wie wir ihn an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften kennen, digital läuft. In dem Fall bedeutet digital zum einen, dass wir Tools nutzen, um eine Art Videokonferenzen Lehre durchzuführen, die vorher in Präsenz stattgefunden hat. Ich bin aber dabei, dieses einen Schritt weitergehen zu wollen, während wir am Anfang viel synchrone Lehre gemacht haben, also versucht haben, natürlich das, was wir vorher an Folien, an BIMA, an der Tafel gezeigt haben, versuchen wir jetzt mehr und mehr in asynchrone Formate zu kommen.
Also im Grunde kleine Sessions zu machen, Blended Learning einzusetzen, in eine Diskussion mit den Studierenden zu kommen und im nächsten Schritt Arbeitsaufträge zu vergeben, die dann bis zum nächsten Mal zu bearbeiten sind. Das kann Literaturarbeit sein, das können kleine Hausaufgaben sein. Es ist aber sehr spannend zu sehen, wie immer die verschiedenen Tools, die wir da im Moment im Einsatz haben, ob das Microsoft Teams ist, ob das Zoom ist, Webex oder verschiedene andere Formate, das Herausfordernde ist, dieses in einer Art und Weise zu nutzen, dass man ähnlich wie in der Präsenzlehre wirklich in eine Interaktion kommt. Und das finde ich im Moment das Spannendste. Der nächste Punkt, der im Moment schwierig ist, ist die Durchführung von Laboren.
An einer Hochschule für angewandte Wissenschaften ist es eigentlich Ziel, in Präsenz Dinge wirklich begreifbar, im besten Sinne anfassbar zu machen. Und das fällt uns natürlich im maschinenbaulichen Kontext im Moment schwieriger, als das den Kollegen aus der Informatik geht, um das zuzugeben. In Finite Elemente funktioniert das natürlich ganz gut. In Mechanik und in Mathematik kann man natürlich auch online das ein oder andere als Übungen und Tutorien sehr gut durchführen. Ein Stauchversuch bleibt ein Stauchversuch und da war die Umstellung innerhalb von Tagen und Wochen natürlich für uns jetzt sehr hart. Wenn wir im nächsten Semester, im Wintersemester tatsächlich noch in der digitalen Lehre sein sollten, bietet der Sommer natürlich die Möglichkeit, das eine oder andere besser vorzubereiten.
Vielleicht auch mal ein Video bereitzustellen oder sich zu überlegen, ob von einer Laborgruppe wirklich alle im Labor sein müssen oder ob von vier Leuten drei zugeschaltet sind und einer führt die Versuche vor Ort durch. Also sowas muss man jetzt überlegen. Aber das braucht ein bisschen Zeit in der Entwicklung. Ansonsten lernen wir im Moment viel, wo wir Digitalisierung nutzen können und freuen uns eigentlich auch, was das für neue Möglichkeiten bringt.
Es wird ja immer gesagt, jede Krise bietet auch ihre Chance und man muss sie nur nutzen und sehen lernen. Wie ist die Gesamtstimmung bei euch? Also sowohl in der Professorenschaft als auch unter den Studierenden. Also ist es einfach nur alles Scheiße und wir müssen da durch? Oder sieht man auch die Chance? Also natürlich will man zurück irgendwie zu einem Stück Normalität, aber wird vielleicht auch einiges bleiben, wo man froh ist, dass man es jetzt endlich mal durchgezogen hat, was sonst nie passiert wäre.
Also die Stimmung insgesamt ist eigentlich gut. Es gibt ein paar Dinge, die im Moment viele nerven. Das sind Dinge, wo wir jetzt mit dem Verwaltungsapparat auch hinterherkommen müssen. Aber im Moment gibt es die Möglichkeit beispielsweise, Abschlussarbeiten digital abzugeben. Finde ich eine großartige Möglichkeit. Warum soll sowas nicht auch bleiben, wenn man die Prozesse jetzt richtig entwickelt hat? Vielleicht muss man noch ein bisschen tunen, aber warum soll sowas nicht bleiben? Wir haben eine ganze Reihe von Professoren, die in der Vergangenheit schon gesagt haben, warum funktioniert sowas nicht? Jetzt fangen wir an, das zu tun. Sowas kann bleiben. Auch viele Vorlesungen können sicherlich auch digital zur Verfügung gestellt werden weiterhin. Warum nicht?
Vielleicht muss man mal überlegen, dass das nicht für alle Studierenden gut ist. Wir haben ja an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften durchaus immer noch Kohorten. Also Klassenverband wäre zu klein gedacht, aber durchaus Gruppen. Warum schauen wir nicht mal, ob es Gruppen gibt, die auch mit ihrer Leistungsfähigkeit vielleicht sagen, ich möchte eher den digitalen Kurs besuchen und dann gibt es parallel einen Kurs, der eher in Präsenz läuft, sodass alle individuell nach ihren Möglichkeiten wirklich ein gutes Lehrformat finden. Ich bitte die Möglichkeit, ganz andere Studierende zu erreichen. Also wir haben auch ausländische Studierende, die jetzt natürlich gar nicht nach Deutschland gekommen sind, über das digitale Format können die teilnehmen.
Also vielleicht bieten sich auch da in Zukunft Möglichkeiten. Und das vielleicht genau auch an den Stellen, wo wir vielleicht auch Lehrgebiete haben, die vielleicht auch die HAW Hamburg an der Stelle besonders machen. Da bietet das ohne Reisekosten natürlich die Möglichkeit, da ganz anders teilzunehmen. Also ich denke, dass solche Sachen bleiben werden und insgesamt ist hier Stimmung positiv und viele haben es angenommen. Kribbeliger Punkt ist im Moment, wie geht man mit Prüfungen um? Das ist im Moment sicherlich schwierig, weil das alleine schon von den Abstandsregeln anstrengend wäre in Präsenz. Aber da tatsächlich rechtssicher digitale Formate zu haben, ist nicht ganz einfach.
Ja, das kann ich mir gut vorstellen.
Aber der Gesamtblick ist positiv. Also wir sind total begeistert, als wir eine Umfrage gemacht haben, wie viel digitale Lehre durchgeführt wird, müssen wir feststellen, dass fast 100 Prozent unserer Lehrangebote auf digital umgestellt wurden. Und wir verlieren ein paar Module, die aber eher im Bereich der Integrationsfächer liegen, also nicht im Kernstudium an sich. Und von daher bin ich sehr froh, dass wir unseren Studierenden da eigentlich fast das gesamte Angebot anbieten können.
Cool. Das ist ein deutlich positiveres Bild, als man das von vielen Eltern von Grundschulkindern zum Beispiel hat. Ja, jetzt weiß ich gar nicht, in welche Richtung ich die Frage stellen soll. Die erste meiner drei Schlussfragen ist ja immer die Frage nach der größten Challenge. Jetzt weiß ich gar nicht, was aktuell für dich das spannendere Thema ist. digitale Lehre umsetzen oder dieses Thema Agilität? Wo ist deine größte Challenge gerade zu finden?
Ich glaube, die Challenge liegt tatsächlich momentan dazwischen, weil wir haben uns ja zum Beispiel mal getroffen bei dem Handelskammer-Meeting und eigentlich ist es gerade mein Ziel, dieses Thema Agilität auch in die Industrieunternehmen reinzubringen und im Moment muss ich mich viel damit beschäftigen, wie bekommen wir die Lehre gut auf die Reihe digital und auf der anderen Seite, wie bekommen wir dieses Thema Agilität auch weitergespielt. Also tatsächlich meine Leidenschaft für die Agilität möchte ich gerne ausleben, aber im Moment ist es nicht ganz simpel, das sozusagen weiter zu tragen, weil wir natürlich die anderen Dinge jetzt erstmal in die richtige Richtung bringen müssen. Das ist sicherlich eine Challenge.
Wenn ich darf, würde ich aber ergänzen, die eine Challenge, die mir im Moment tatsächlich aufliegt, ist die, wie bringen wir dieses Ganze auch an der Hochschule wirklich in die Lehre rein. Also wir versuchen unser Umformtechnik-Labor zu einem Lernort, digitale Umformtechnik weiterzuentwickeln. Und da wollen wir solche Methoden und Prinzipien tatsächlich mit den Studierenden im Daily Doing tun. Und das beschäftigt mich tatsächlich, weil das ist eine echte Herausforderung. Also das als Thema aufs Papier zu bringen, Vortrag darüber zu halten, ist das eine, aber das ist Daily Doing insgesamt, das Labor als eine Art Modellumgebung für Digitalisierung in der Umformtechnik darzustellen. Das ist eine Herausforderung, die Spaß macht und die wir angenommen haben.
Das würde ich gerne mal sehen. Also ich habe in meinem Grundstudium halt so Physik 1, Physik 2 und so gehabt. Da hat man das Prisma, das man auch in der Mittelstufe schon hatte. Und höher waren die Gefühle da nicht. Also ich bin gespannt.
Komm gerne vorbei. Unsere Reibreitspindelpresse twittert.
Nehme ich gerne an, wenn wieder Corona-Versuche erlaubt sind. Dann wird es auch hier für den Podcast ein Foto geben. Verspreche ich jetzt. Ohne zeitliche Zusage. Gibt es eine oder mehrere Quellen, die du nennen möchtest, die wir verlinken sollen in unserer Quellenliste?
Wenn man auf das Thema agile Entwicklung schaut, dann gibt es tatsächlich die sogenannte Werkzeugbauakademie in Aachen. Und die haben tatsächlich schon mal ein Paper rausgebracht zum Thema Agile Tool Development. Und da kann man gut drauf schauen. Der Wolfgang Boos hat da sozusagen erste Konzeptpapiere gemacht. Und wir versuchen das auch mit den Erfahrungen, die ich selber habe, als zertifizierter Scrum Master dann da weiterzutragen.
Cool. Dann letzte Frage für jetzt und hier. Gibt es jemanden, den du in einem späteren Interview gerne mal ausgefragt hören würdest?
Tatsächlich, wenn du da Schein gesprochen hast mit, dass auch nicht technische Dinge hier durchaus zur Sprache kommen, würde ich dir ja gerne mal empfehlen, mit Kirsten Fers mal ein Gespräch zu führen. also der Bischöf in der Landeskirche, die hier zuständig ist für das Sprengel Hamburg und Lübeck. Ich glaube, die steht auch, was das Thema Digitalisierung angeht, im Moment durchaus vor großen Herausforderungen.
Das glaube ich wohl, ja. Ja, finde ich spannend. Das werde ich mal versuchen. Das war das 74. Interview des Podcasts Wege der Digitalisierung. Heute mit Enno Stöver, Professor für Maschinenbau und Umformtechnik an der HAW Hamburg. Ich habe mal wieder ganz viel gelernt. Ganz vielen Dank, Erno, für deine Zeit und dass du dich in diesen aufregenden Zeiten auf dem Weg hierher zu uns gemacht hast. An euch alle, vielen Dank fürs Zuhören. Wie immer, wenn es euch gefallen hat, schreibt uns gerne Kommentare,
teilt das Ganze in den sozialen Netzwerken. Und ja, vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.