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E4306.03.201936 Min

Was haben Berechenbarkeit, Digitalisierung und „Made in Germany“ miteinander zu tun?

Im Gespräch: Anke Nehrenberg (kommitment GmbH & Co. KG)

Titelbild zu E43: Was haben Berechenbarkeit, Digitalisierung und „Made in Germany“ miteinander zu tun? – Anke Nehrenberg (kommitment GmbH & Co. KG)

Worum es geht

Anke Nehrenberg von kommitment GmbH & Co. KG erklärt, warum Digitalisierung mehr ist als Technik – und wie Unternehmen mit Unsicherheit umgehen müssen.

Anke Nehrenberg ist Gründerin und Geschäftsführerin der Beratungsfirma kommitment GmbH & Co. KG. Sie begleitet Unternehmen bei Veränderungsprozessen, insbesondere im Kontext der Digitalisierung.

Sie beschreibt Digitalisierung als mehr als technische Umstellung: Es geht um eine Veränderung von Arbeitsweisen, Kommunikation und Wertschöpfung. Die Unsicherheit, die aus der Unberechenbarkeit komplexer Systeme entsteht, ist ein zentrales Problem.

Viele Unternehmen wollen Kulturwandel, aber ändern nicht ihre Strukturen. Nehrenberg betont: Kultur entsteht durch verändertes Handeln, nicht durch Deklaration. Sie empfiehlt kleine Experimente, Lernkulturen und Vertrauen statt Kontrolle.

Sicherheit entsteht durch Handlungskompetenz und Lernen aus Fehlern. Führung muss sich wandeln – von heroischem Management hin zu einem Modell, das Lernen und Zusammenarbeit fördert.

Ursprüngliche Shownotes 06.03.2019

Digitalisierung bedeutet Veränderung, oft sogar rapide Veränderung. Welchen Blick auf Digitalisierung hat also jemand, der Unternehmen bei Veränderungsprozessen begleitet? Das erfahren wir in der heutigen Episode von „Wege der Digitalisierung“ von Anke Nehrenberg. Sie ist nicht nur Gründerin und Geschäftsführerin der Unternehmensberatung kommitment, sondern auch in einer ganzen Reihe von Ehrenämtern aktiv: unter anderem im Digitalausschuss der Handelskammer Hamburg, den Digital Media Women, dem DIHK in Berlin und im Beirat für Digitalisierung von Dataport. In all diesen Umgebungen sieht sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, wie Unternehmen auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren. Im Interview mit Nils erläutert sie, wie sich Unternehmenskultur und Management wandeln müssen, um in digitalen Zeiten erfolgreich zu bleiben.

Digitalisierung als Treiber für Veränderung

Ursprünglich meint Digitalisierung, dass Dinge der physischen Welt ins Digitale oder Virtuelle übertragen werden. Und das meinen auch viele Unternehmen heute noch, wenn sie von Digitalisierung sprechen. Für Anke Nehrenberg ist Digitalisierung aber noch viel mehr: Die digitale Transformation ist eine Veränderung, die sich auf alle Bereiche eines Unternehmens auswirkt, die ein neues Arbeiten und eine neue Kommunikation bringt und die zu einem vollständigen Wandel in der Unternehmenskultur, aber auch in der Wertschöpfung führt.

Das Problem dabei: Viele Firmen haben laut Nehrenberg das Gefühl, mit der Digitalisierung ein großartiges neues Werkzeug an die Hand bekommen zu haben, mit dem sie ganz viel machen könnten – wenn sie denn nur wüssten, wie und wofür.

Die zentralen Herausforderungen der Digitalisierung

Grundsätzlich hat zwar jedes Unternehmen und jede Organisation ihre ganz eigenen Probleme und Herausforderungen. Dennoch erkennt Nehrenberg zwei große Themen, die fast alle Unternehmen hinsichtlich der Digitalisierung umtreiben: die Unsicherheit und der erforderliche Wandel in der Unternehmenskultur und in den Unternehmensprozessen.

Herausforderung 1: Unsicherheit

Gerade in Deutschland haben wir eine Tradition, in der das Denken in unserer Industrie stark von Kontinuität, Planbarkeit und Berechenbarkeit geprägt ist: Der Ingenieur könne alles berechnen. Das sei ein wesentlicher Aspekt hinter der Idee von „Made in Germany“, ist Nehrenberg überzeugt. Inzwischen bewegen wir uns allerdings in einer zunehmend komplexen Welt, in der diese Berechenbarkeit nicht mehr gegeben ist.

Viele Unternehmen und Organisationen fühlen sich dadurch verunsichert und orientierungslos und stoßen an ihre Grenzen. Denn sie versuchen, die altbekannten Muster, die lange funktioniert haben, auf die neuen Begebenheiten anzuwenden – und fahren damit vielfach an die Wand. Denn Digitalisierung heißt auch, dass Veränderungen schneller passieren und zu einem gewissen Teil einfach unberechenbar sind.

Herausforderung 2: Wandel der Unternehmenskultur

Die zweite große Herausforderung, die Nehrenberg im Kontext der digitalen Transformation von Unternehmen ausmacht, ist die Notwendigkeit, die Unternehmenskultur an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Viele Unternehmer gehen den Kulturwandel laut Nehrenberg falsch an: Sie wünschen sich explizit einen Kulturwandel, weil sie hoffen, dass sich dadurch die Firma ändert. Das sei Nehrenberg zufolge aber verkehrtherum gedacht. Kulturwandel verläuft nämlich genau andersrum: Erst müssen neue Prozesse etabliert, anders gearbeitet und neue positive Erfahrungen gemacht werden, damit sich dann nach und nach die Unternehmenskultur erneuern kann.

Wie Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen können

Wie können Unternehmen den beiden genannten Herausforderungen nun am besten begegnen?

Role-Models und kleine Schritte

Um einen positiven Kulturwandel im Unternehmen zu erreichen, braucht es laut Nehrenberg vor allem Role Models. Denn: „Ich kann nur mein eigenes Verhalten ändern. Ich kann schwer andere Menschen ändern. Aber ich kann Menschen anregen, ihr Verhalten zu überdenken und es zu ändern, indem ich die Rahmenbedingungen dafür schaffe“, so Nehrenberg.

Zudem sollten Unternehmer versuchen, weniger groß zu denken. Anstatt einen großen Change-Prozess in die Wege zu leiten, dem ein langer Planungsprozess vorausgeht, sollten sie Veränderungen in überschaubaren Experimenten testen. Sie sollten Hypothesen für ihr Unternehmen sowie für ihr eigenes Verhalten entwickeln und diese dann in kleinen Iterationen überprüfen. Auf diese Weise können sie ihr Unternehmen und die Unternehmenskultur Schritt für Schritt zum Positiven hin verändern.

Vertrauen und Lernen

Für die zweite Herausforderung – die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit – ist es schwieriger, eine Lösung zu finden. Laut Nehrenberg kann aus Unsicherheit nur dann Sicherheit entstehen, wenn man selbst eine Handlungskompetenz hat und ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie die Kompetenzen anderer.

Weiterhin ist Nehrenberg zufolge eine positive Fehlerkultur für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend. Denn weil vieles im Rahmen der Digitalisierung neu ist und viele Wege zum ersten Mal beschritten werden, können Unternehmen oftmals nur durch Experimente lernen. Sie müssen also nicht nur das Lernen lernen, sondern vor allem auch, dass sie Fehler zulassen dürfen. Was sie hingegen nicht zulassen dürfen, ist, dass der gleiche Fehler noch einmal passiert. Denn dann hätten die Unternehmen laut Nehrenberg nichts gelernt.

Zeit für das postheroische Management

Um diese Aspekte – Lernen und Vertrauen – in die Unternehmenskultur zu integrieren, ist es wichtig, die bisherigen Standards von Führung und Kontrolle aufzugeben. Die Zeiten des postheroischen Managements seien laut Nehrenberg vorbei. Die Unternehmenslenker müssten sich erlauben, von ihren Team-Mitgliedern zu lernen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen: „Die Rolle von Führung ändert sich. Das bedeutet auch: Ich schaffe Möglichkeiten und Räume zum Lernen und tue das auch selbst. Ich stelle mich nicht mehr vor das Team, sondern bin Teil des Teams.“

P.S. Unser Podcast ist Medienpartner der Hub.Berlin geworden! Wir werden dort vor Ort ein paar sehr spannende Interviews führen dürfen. Vielleicht sehen wir uns ja dort?

Viel Spaß beim Zuhören!

Links aus dem Interview:

Transkript

4.969 Wörter

Automatisch erstellt (Whisper), nicht korrigiert. Namen und Fachbegriffe können falsch geschrieben sein. Ein Klick auf eine Zeitmarke springt im Player dorthin.

Hallo und herzlich willkommen zur 43. Folge des Podcasts Wege der Digitalisierung. Vor mir sitzt Anke Nernberg von der Commitment GmbH & Co. KG. Wir haben uns kennengelernt bei den Digital Faces der Handelskammer letztes Jahr. Und ich bin total gespannt, was Anke uns heute erzählt über Digitalisierung. Moin Nils. Moin. Schön, dass du da bist. Erzähl doch mal, wer bist du, was machst du?

Ich bin Anke Nierenberg. Jetzt gerade sprechen wir in zwei verschiedenen Rollen meinerseits, glaube ich. Ich bin Gründerin und Geschäftsführerin der Commitment. Wir werden bald drei Jahre alt. Das heißt, davor hatte ich auch schon Leben. Ich begleite schon immer Unternehmen in Veränderungsprozessen, die im Wesentlichen durch das getrieben sind, was wir digitale Transformation nennen oder Digitalisierung. Darüber sprechen wir gleich noch, habe ich gehört. Ansonsten, das hast du auch schon erwähnt, arbeite hier in der Handelskammer Hamburg im Ausschuss für digitale Wirtschaft mit, versuche da meine Fähigkeiten einzubringen und mitzugestalten. Bin außerdem Head of der Digital Media Women hier in Hamburg.

Wir sind ein Netzwerk von Frauen und Männern aus der Digitalbranche, deutschlandweit. Und außerdem bin ich noch in Berlin aktiv beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Da gibt es nämlich auch einen Ausschuss Informations- und Kommunikationstechnologie. Da vertrete ich Hamburg bzw. die Hamburger Wirtschaft zu dem Thema.

Spannend. Du sammelst Titel.

Ich sammle erstmal Erfahrung. Welche Titel das sind, ist mir relativ egal. Aber ich habe irgendwann für mich beschlossen, wie ich aufgestellt bin und wie mein Zugang zu Gesellschaft und Leben ist, möchte ich meine Skills einfach noch woanders einbringen. Klar, ich finde es total spannend, diese Firma aufzubauen. Und irgendwas muss auch den Kühlschrank voll machen. Aber ich finde es sehr wichtig, die Gesellschaft insgesamt voranzubringen oder zu gestalten.

Das mit den Titeln war auch blöd gesagt. Tut mir leid. Das mit der Erfahrung. Wenn ich in mein Xing-Profil gucke, dann stehen da auch irgendwie viele Sachen. Ich sehe es genauso, dass diese unterschiedlichen Perspektiven, Also je mehr Stellen man irgendwo Input bekommt, desto besser wird eigentlich das große Ganze. Zu den Digital Media Women kann ich sagen, ich habe Christiane Brandes-Wisbeck relativ früh in diesem Podcast mal interviewt. Ach, spannend. Die ist da ja auch ganz aktiv, oder zumindest gewesen. Ja, genau. Ich weiß gar nicht, ob sie da noch aktiv ist.

Christiane konzentriert sich ja gerade sehr auf die Bücher, die sie schreibt.

Ja, stimmt. Das erste war gerade kurz vor Veröffentlichung, als ich mit ihr gesprochen habe. Ja, dann, du hast schon gesagt, also Veränderungsprozesse und in der Regel ist das heute eigentlich durch Digitalisierung getrieben. Dann interessiert mich jetzt ganz brennend, wie würdest du denn Digitalisierung beschreiben? Also was ist Digitalisierung aus deiner Sicht?

Digitalisierung hat ja im Prinzip so angefangen, dass wir digitale Repräsentation der physischen Welt geschaffen haben. Abgekürzt oder ein bisschen plakativ, Atome werden zu Bits. Das meint ja eigentlich Digitalisierung im ursprünglichen Sinne. Und das meinen viele Unternehmen auch, wenn sie über Digitalisierung sprechen. Ach, das habe ich vorhin vergessen, ich sitze auch im Digitalisierungsbeirat der Data Port, also Infrastruktur-Dienstleister von fünf Bundesländern. Und als ich die Anfrage bekam, musste ich mich erstmal ein bisschen am Kopf kratzen und dachte, Moment, ihr seid doch ein IT-Unternehmen, wieso habt ihr denn einen Digitalisierungsbeirat? Und da kommt dann noch ein anderer Aspekt ins Spiel, denn es geht nicht nur darum, dass Prozesse abgekürzt werden und von der physischen in eine digitale oder virtuelle Welt übertragen werden, sondern damit einher geht ja ein anderes Arbeiten, ein anderes Agieren, eine andere Kommunikation.

Und das ist das, was viele Unternehmen oder wir beide wahrscheinlich auch mit Digitalisierung meinen. Insofern ist das gar nicht einfach zu greifen. Das ist eine Veränderung, die getrieben wird durch neue verfügbare Technologien, Aber die Auswirkungen darauf hat, wie wir arbeiten, wie wir leben, wie wir kommunizieren und auch wie Wertschöpfung im wirtschaftlichen Sinne möglich ist. Im Prinzip ist das, wie wenn ich ein neues Werkzeug erfinde, dann kann ich damit immer ganz viel machen. Ich muss nur herausfinden, wie ich das am besten mache und was dabei passiert. Und ich glaube, das ist die Phase, in der wir uns gerade sind.

Das passt ganz gut zu dem roten Faden, den ich so sehe, dass viele Leute halt oder Unternehmen, Leute Schrägstrich Unternehmen, erst mal mit einem Tool anfangen und denken, wir brauchen ein neues Tool für XYZ und dann erst auf das Problem stoßen, dass es mit einem Tool nicht getan ist, weil damit im einfachen Fall eine Prozessanpassung und im komplizierten Fall auch eine Kulturwandelanpassung einhergeht. Vor dem Hintergrund würde mich jetzt total interessieren, du hast gerade diese unterschiedlichen Orte genannt, an denen du irgendwo aktiv bist. Das heißt, da bekommst du ja ganz viel Input. Meiner naiven Einschätzung nach von unterschiedlichsten Leuten, die an ganz unterschiedlichen Punkten im Lebenszyklus eines Unternehmens stehen.

Kannst du da wiederkehrende Probleme nennen, die zum Beispiel aus dem Beirat von Dataport haben die andere Probleme? Die sind ja auch letztendlich Dienstleister für andere Unternehmen, die deren Services einsetzen. Oder die Leute, wo du dann über die Handelskammer Hamburg in Kontakt kommst. Und letztendlich dann ja Bundesebene ist ja nochmal ein anderes Niveau. Haben die alle die gleichen Probleme? Oder abhängig davon, wo du deinen Input bekommst, haben die auch unterschiedliche Probleme?

Also erstmal hat ja jede Organisation, und ein Unternehmen als solcher ist es ja auch eine Organisation, haben immer unterschiedliche Sichtweisen und damit auch unterschiedliche Probleme, Herausforderungen oder Aufgaben, vor denen sie so stehen. Wenn man so einen dicken Strich drunter macht und versucht, ganz weit raus zu zoomen, dann sind es oft mehrere Aspekte. Das eine ist eine Unsicherheit. Also wo geht das eigentlich hin? Weil wir kommen aus einer Tradition, gerade hier in Deutschland, so der Backbone der Wirtschaft, unserer Industrie, die sehr viel von kontinuierlicher Entwicklung, Planung und vor allen Dingen Berechenbarkeit lebt. Das prägt so unsere Denke, der Ingenieur berechnet. Und ein Teil von Made in Germany ist, es ist berechenbar.

Jetzt bewegen wir uns aber gerade in einer Zeit, also seit einigen Jahren, das nehmen wir zunehmend wahr, in der diese Berechenbarkeit nicht mehr gegeben ist, weil wir reden von einer komplexen Welt. Ich glaube, komplex war die Welt schon immer. Die Frage ist immer, wie viel Informationen hat man zur Verfügung? Und wenn die Menge der Informationen, die ich habe, entweder das übersteigt oder nicht ausreicht, um etwas brechen zu können, dann führt das zu Unsicherheit und einer gewissen Orientierungslosigkeit. Und das bildet so die eine Klammer. Also ich weiß nicht, wo es hingeht, also versuche ich irgendwie damit umzugehen. Und das fällt vielen Organisationen oder Unternehmen schwer. Weil wir versuchen, die bekannten Muster, die auch lange funktioniert haben und in vielen Teilen von Unternehmen auch noch durchaus legitim sind, darauf anzuwenden, fahren damit aber gegen die Wand.

Weil was Digitalisierung auch heißt, ist, dass Veränderungen einfach schneller passieren. Und sie sind einfach nicht mehr berechenbar, weil das Thema hatten wir gerade komplex. Ich habe nicht genügend Informationen oder ich weiß nicht, welche Informationen ich mal in meine Betrachtung einbeziehen lasse. Also Unsicherheit ist ein gemeinsames Thema. Und da haben uns, glaube ich, auch schon ganz viel gesagt. Die anderen Dinge, die da eine gemeinsame Klammer bilden, das sind wahrscheinlich die erste oder die zweite Ableitung aus dieser Unsicherheit. Das ist, wo soll ich investieren? Heißt Digitalisierung, ich muss in Hardware aufrüsten. Heißt Digitalisierung, ich muss agil werden. Das ist ja auch ein weiteres großes Stichwort, was damit oft einhergeht.

Und einen weiteren wichtigen Punkt beschreibt, den ich so beobachte. Aus der Arbeit in den verschiedenen Kontexten. Viele Organisationen und Unternehmen sprechen von diesem Kulturwandel, weil sie bemerken, dass der da ist. Und versuchen aber vom Kulturwandel her zu denken und sich auf der Basis irgendwie zu verändern. Jetzt ist aber Kultur irgendwas, was entsteht in Unternehmen, wenn ich irgendwas anderes mache. Also wenn Leute andere Erfahrungen machen, anders arbeiten, dann bilden sich neue Normen, neue Werte und dann entsteht eine neue Kultur. Also das heißt, ich kann nicht die Kultur ändern und dann wird mein Unternehmen auf einmal erfolgreich und agil und anpassungsfähig. Nee, das passiert umgekehrt.

Ich muss an meinen Strukturen, und das ist jetzt erstmal ganz banal, eine ablaufende Aufbauorganisation oder die Methodik, mit der ich arbeite oder die Werkzeuge, da setze ich an, da ändere ich und dann entsteht eine Kultur. Und das ist der zweite große Punkt. Also erster Orientierung und Unsicherheit. Und das zweite ist, wir wollen eine Kultur ändern, aber sind nicht bereit, die Art und Weise, wie wir arbeiten, zu ändern.

Macht total Sinn. Interessiert mich jetzt, wie würdest du sagen, wie wird das in der Realität, also ist das wirklich so, gehen die Leute da so rum ran, dass sie sagen, wir brauchen einen Kulturwandel? Also gehen da tatsächlich Leute so ran?

Und in vielen Projekten oder vielen Vorhaben, die irgendwo in Richtung agile Transition gehen, ist das ein Versuch, so den Aufschlag zu machen. Da stößt man aber sehr schnell an Fragezeichen, wenn man dann zurückfragt, warum wollt ihr das und wie soll das denn gehen? Weil ich glaube, was eben auch nicht mehr funktioniert, dass wir in unserer Rolle als Berater, Coach, wie auch immer, Wegbegleiter, die Kiste auspacken und sagen, jetzt machen wir das so und wenn dann, passiert. Aber viele Unternehmen kommen mit dem Wunsch oder kommen mit der Idee, wir brauchen diesen digitalen Kulturwandel. Es ist eigentlich eher umgekehrt, dass wenn wir sagen, digitale Transformation oder Digitalisierung heißt Kulturwandel oder wird ein Kulturwandel nach sich ziehen.

Denn interessanterweise, wenn du dann anfängst zu arbeiten, gerade mit dem Management, gerade mit der Geschäftsführung und über andere Möglichkeiten der Führung sprichst, über anderes Management sprichst, über andere Strukturen, Prozesse sprichst, dann resultiert ein anderes Verhalten der Organisation daraus. das stellt erstmal ganz viel in Frage, sorgt wiederum für Unsicherheiten und sagen so, okay, hier, da habt ihr übrigens den Kulturwandel, den ihr haben wollt. Und dann ist der auch erstmal unangenehm. Also das eigentlich Gewünschte, was irgendwie so eine positive Vision oder so ein positives Zielbild oft erzeugt, ist dann, wenn sie es erleben, erstmal gar nicht so cool für viele Unternehmen.

Wenn ich mich jetzt in die Lage vieler versetze, versetzt, die hier zuhören wahrscheinlich und statistisch werden viele Leute, die hier zuhören, vor dem Problem stehen, dass sie wissen, irgendwie Kulturwandel müssen wir wohl machen, wenn wir die Digitalisierung irgendwie beherrschen wollen. Wie kann man das denn richtig oder wie kann man das denn sinnvoll angehen? Was ich auch erlebe bei Kunden oder Firmen, die ich so mit in meinem täglichen erlebe, die gehen da halt so ran und sagen, ja, wir müssen Kulturwandel machen, das heißt, wir müssen jetzt eine transparentere Organisation werden. Aber ich als Chef werde natürlich in meinem Eckbüro sitzen bleiben und die Tür ist nur von bis auf. Das ist ja so, wie wenn ich erwarte, wir wollen jetzt ein fahrradfreundliches Unternehmen werden, deswegen sponsore ich jetzt Fahrräder, aber natürlich fahre ich weiter meinen 7er BMW.

Es muss ja irgendwo vorgelebt werden und man muss ja irgendwo einen sinnvollen Anfang finden. Gibt es da Best Practices, wo du sagen würdest, damit kann jeder anfangen, egal wie viel Vorwissen man hat? Oder wo das nicht Spezialfälle sind, wo man irgendwo einen Tagesworkshop braucht, um zu sagen, und in dem Fall geht nur das?

Also der wesentliche Schritt ist so das Mindset. Das eine, was du gesagt hast, betrifft Role Models im Unternehmen. Ich kann nur mein eigenes Verhalten ändern. Ich kann schwer andere Menschen ändern. Ich kann aber Menschen anregen, ihr eigenes Verhalten zu überdenken und zu ändern, indem ich die Rahmenbedingungen dazu schaffe. Und das ist der Punkt, wo sich Führung und Management ändert im Unternehmen. Das andere Ding ist, weniger versuchen gleich ganz groß zu denken. Und diesen Begriff Change Management, den hört man ja auch seit ein paar Jahren immer, immer weniger. Sondern eher an kleinen Experimenten zu denken. Also ich versuche, eine Hypothese zu entwickeln für mein eigenes Unternehmen, auch für mein eigenes Verhalten.

Überlege, wenn ich das tue, was könnte denn dann passieren oder was ist ein gutes Ergebnis? Und teste die dann aus und lerne daraus. Also in kleinen Iterationen, in kleinen Experimenten, Hypothesen überprüfen. Anstatt einen großen Change-Prozess, dem ein langer Planungsprozess vorausgeht, anzustoßen mit festen Rollen, mit festen Meilensteinen und festen Erfolgskriterien. Das Ding ist, wir machen das alle zum ersten Mal mit der Digitalisierung oder der Transformation. Wir wissen ja noch gar nicht, was richtig ist. Insofern finde ich diesen Begriff richtig schwierig. Also du wirst fragen wollen, was passt und was funktioniert. Und du kannst für dich oder als Unternehmen festlegen, naja, wie soll es denn funktionieren?

Also das ist so ein bisschen die Gratwanderung zwischen Evolution, also Anpassung und Transformation. Transformation ist eine gewollte Entwicklung, die darauf hinausläuft, dass mein Unternehmen wieder so funktioniert, dass seine Wertschöpfung funktioniert. Also das ist Geld verdient, weil die Umstände haben sich geändert, wie meine Kunden auf mich zukommen, wie sie meine Produkte kaufen, wie meine eigene Produktentwicklung funktioniert, was ich dazu brauche, das ändert sich und ich passe mein Unternehmen und meine Strukturen darauf an, dass das wieder funktioniert. Aber ich weiß ja noch gar nicht, wie das geht. Und deswegen mache ich Experimente, um das herauszufinden. Das kann man auch in festen Formaten machen, in kleinen Labs.

Wir haben mit ein paar Unternehmen so ein Format entwickelt und ausprobiert. Das heißt Solution Lab. Und da machen wir genau das. Wir versuchen, in Safe-to-Fail-Räumen herauszufinden, was für ein Unternehmen gut funktioniert. Denn wir können uns nicht mehr hinstellen und das gilt, glaube ich, für alle, die irgendwo beraten unterwegs und sagen, ihr macht das und dann wird das richtig. Das wird immer wieder gefordert und gefragt, aber aus den Gründen, die ich eingangs erläutert habe, ist das überhaupt nicht mehr möglich. Du kannst deine Vorgehensweise anpassen, deinen Zugang und wie du dich näherst, aber du kannst nicht sagen, mach das und dann wird das schon gut.

Macht total Sinn. Kann ich mich auch persönlich total gut mit identifizieren, weil das genau das Herangehen der agilen Softwareentwicklung ist.

Exakt.

Und da funktioniert es ja offensichtlich, wenn man es nicht nur als Buzzword nimmt, sondern ernsthaft betreibt.

Ja, auch da, das wirst du sicherlich bestätigen, da gibt es auch nicht die reine Lehre. Also da gibt es eine Idee und da gibt es Prinzipien, die stehen im agilen Manifest. Da gibt es Prinzipien und genau solche Prinzipien brauchen wir auch. Brauchen wir als Unternehmen, aber brauchen vielleicht auch als Gesellschaft. Das ist ein neues Denken, das ist ein Paradigmenwechsel. Und wir sind aber eine Gesellschaft, die sehr auf Sicherheit aus ist, die immer eine genaue Idee braucht, die nicht so gut mit Unsicherheit umgehen kann. Das ist auch ganz menschlich. Und das wird eine ganze Zeit lang dauern, bis wir in der Lage dazu sind. Und deswegen fällt es uns, jetzt wo wir in diesem Prozess drinstecken, aktuell so schwer.

Ja, dazu fällt mir gerade eine Sache ein. Vielleicht hast du da einen Gedanken zu. Ich war letzte Woche auf einer Veranstaltung, wo ein Innovations- oder Zukunftsforscher aus Hamburg einen Vortrag gehalten hat über das, was auf uns zukommt. So ein Trendforscher, glaube ich, vom Titel her. Und der hat letztendlich genau dieses Thema Unsicherheit, VUCA als Buzzword, genannt. Und der hat gesagt, das kann man korrelieren, hat er zumindest gemacht, mit einer Nostalgie-Studie. Es gibt wohl eine jährliche Befragung, wo eine repräsentative Menge Menschen gefragt wird und war früher alles besser. Und je größer die Volatilität in der Umgebung wird, desto mehr Leute statistisch belegbar sagen, früher war alles besser.

Und wenn man dann in den Duden guckt, was heißt denn Nostalgie, dann ist das irgendwie sinngemäß der Rückzug an einen sicheren Ort. Also es heißt ja nicht, dass früher alles besser war, aber in meiner idealisierten Erinnerung war früher alles besser. Und wenn ich mich auf diesen Standpunkt setze, damals war alles gut, dann gibt mir das erstmal Sicherheit. Einfach nur in meinem emotionalen Befinden drin. Und er hat gesagt, was das für die Unternehmer oder die Unternehmen heißt, in dem Moment, wo diese Unsicherheit in der Außenwelt größer wird, ist es im Prinzip unsere Verantwortung, sichere Orte zu schaffen. Und lange Rede, kurze Frage, da würde mich jetzt interessieren, siehst du da Werkzeuge, die man konkret nutzen könnte, um das zu tun?

Also um diese Unsicherheit im eigenen Unternehmen vielleicht abzubauen, dem Change gegenüber?

Na, die Frage ist ja, wie entsteht Sicherheit aus Unsicherheit? Und Sicherheit entsteht dann, wenn ich eine Handlungskompetenz habe. Also wenn ich aus meinen Ideen, die ich habe, Dinge ableiten, überprüfen kann und ein gewisses Vertrauen herrscht. Oder ich ein Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten habe. Wenn wir mit so einer unsicheren Situation konfrontiert sind oder Komplexität oder VUCA, dann ist Vertrauen tatsächlich jetzt kein Werkzeug, aber es ist eine Währung, um zu gucken, wie ein Unternehmen agiert in so einem Umfeld. Und es ist nicht nur Vertrauen, das ist auch ein Zutrauen in die Kompetenzen anderer. Das ist einmal Kompetenzübertragung und ein Zutrauen in, wir werden Experimente machen, wir werden daraus lernen und gucken, wie wir den nächsten Schritt gehen.

Es gibt kein Werkzeug oder kein Tool, um zu sagen, ich schaffe einen sicheren Ort. diesen sicheren Ort kann ich dadurch schaffen, dass ich versuche, mit meinen Möglichkeiten, die ich habe als Unternehmen, zu lernen, durch Experimente, dadurch, dass ich eine Fehlerkultur aufbaue, also tatsächlich einen Scheitern in Tüdelchen zulasse, aber nicht zulasse, dass genau der gleiche Fehler nochmal passiert, weil dann habe ich nichts gelernt. Also tatsächlich ist Lernen und Vertrauen, das hört sich jetzt sehr weich an, aber das muss in der Unternehmenspraxis und in Organisation erst mal gelernt werden und in die Handlungskompetenz jedes Mitarbeiters übergehen. Weil beides haben wir ersetzt durch Kontrolle und durch Führung. Und als Mitarbeiter geht es vielen Leuten so, dass sie das auch gerne abgeben und gerne delegieren.

Okay, weil das heißt, also auch das, also den Punkt habe ich tatsächlich so noch nicht zu Ende gedacht, aber es ergibt total Sinn, Lernen und Vertrauen, aber das ist wieder ein Punkt, den muss ich vorleben. Also ich kann mich verordnen, wir sind jetzt eine lernende Organisation. Wenn ich als Management, Geschäftsführung, wie auch immer, wenn ich das nicht vorlebe, dann wird das nicht passieren.

Exakt, genau so ist es. Und der Begriff postheroisches Management ist jetzt auch nicht ganz neu, aber beschreibt es ganz gut. Ich bin nicht mehr der Hero, der vorne steht und der Oberhäuptling sagt, ich weiß Bescheid, ich kann es am besten alle mir nach, sondern, und ich bin mir ganz sicher, dann werdet ihr in dieser Podcast-Reihe schon das eine oder andere Mal drüber gesprochen haben, die Rolle von Management und Führung ändert sich. Und das heißt eben auch, ich schaffe Möglichkeiten oder Räume fürs Lernen und tue das auch selbst. Und ich stelle mich auch nicht mehr vor das Team und sage, hier sind übrigens meine drei geilsten Fehler letztes Jahr, sondern ich bin Teil des Teams. Also damit fängt es ja schon an. Muss ich denn eigentlich vorleben? Vorleben heißt ja schon wieder, ich bin irgendwo vorne.

Ja, stimmt. Bei so kleinen Worten fängt das schon an.

Naja, das ist tatsächlich eine Frage von Vorleben oder Augenhöhe. Also erlaube ich mir auch von anderen, von meinen Kollegen zu lernen.

Ja. Ist total spannend. Also wenn ich jetzt an uns denke, dann war das von Tag 1 Anteil der Kultur. Also einfach, weil ich in meinem Selbstverständnis überhaupt gar nicht mich über wen anders stellen könnte. Aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte eine Kultur, in der das so wäre, stelle ich mir das auch wahnsinnig kompliziert vor, davon wegzukommen.

Ja, interessanterweise ist das, glaube ich, so ein ganz kleines bisschen Generationenfrage. Also das beobachte ich in verschiedenen Umfeldern und eine Generationenfrage dahingehend, wie sind wir sozialisiert und mit welchen Gratifikationsmustern, welche Verhaltensweisen wurden und werden belohnt, woran wird Erfolg gemessen im Leben, wie sehe ich mich selbst und was ist wichtig? Also wir sagen immer, wir können uns als Wesen mit unseren Verhaltensmustern, können wir uns nicht komplett abkoppeln von dem, wie wir in Unternehmen funktionieren oder wie wir uns da verhalten. Das ist im Wesentlichen sind das ähnliche Muster und insofern schon ein bisschen Generationenfrage oder zumindest eine Frage des kulturellen Kontexts.

Also wie bin ich sozialisiert? Was ist sozusagen handlungsleitend für mich?

Das heißt, im Prinzip löst sich das Problem von allein über kurz oder lang. Vielleicht.

Tatsächlich werden ja immer wieder, alle paar Monate kommt irgendwie eine Studie raus zu Generation XYZ. Mal gucken, was nach Z kommt. Ich weiß nicht, ob das vielleicht wie bei Excel ist, dann kommt ZA oder irgendwie sowas. Das habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Aber es wird ja immer in diesen Studien festgestellt, wie eine Generation, eine Kohorte oder meinetwegen ein Milieu, wenn man jetzt in Sinus denkt, funktioniert, was wichtig ist für eine Generation in Tüdelchen. und da gibt es jetzt unterschiedliche Auskünfte und Erkenntnisse darüber. Mir ist Status, also klassische Statussymbole, wie wir sie vielleicht von unseren Eltern kennen, mein Haus, mein Auto, mein Boot nicht mehr so wichtig.

Mir ist es mehr wichtig, dass wir über mein Purpose, ganz großes Wort gerade, nachdenken, wie wir eine sinnstiftende Arbeit machen. Gleichzeitig kommt aber auch immer wieder dieser Begriff Sicherheit. Also es gibt ein neues Bedürfnis nach Sicherheit. Sprich so die Zeiten der jungen Wilden und wir wollen alles ganz anders machen und radikal ändern sind vorbei. Ich glaube auch, weil Menschen erkennen, wozu es geführt hat, nämlich zu dieser Welt, die gelinde gesagt etwas unübersichtlich geworden ist. Ich glaube auch, das war sie schon immer so, aber es sind einfach mehr Informationen verfügbar. Also scheint uns die Welt größer und unübersichtlicher. Also ich glaube, wenn wir zurückkommen auf die Frage, dieses Problem in Tüdelchen wird sich irgendwann auswachsen. Ja, ich glaube, andere Werte werden übernehmen, beobachten wir jetzt schon auch.

wenn du dir Sozialisationsstrukturen oder Strukturenunternehmen anguckst, von den Mitarbeitern her, wie Unternehmen funktionieren, dann gibt es da durchaus Unterschiede. Und natürlich, was auch damit reinspielt, Generationen, die jetzt nachkommen, die sind auch schon von der Technologie her ganz anders sozialisiert, die haben eine ganz andere Awareness, die sind nicht mehr eine Generation des Übergangs, zumindest auf dieser technologischen Ebene, Die werden mit der entsprechenden Hardware und vielleicht auch mit der entsprechenden Kompetenz groß und auch mit der Tatsache, dass sich das alles sehr, sehr schnell entwickelt.

Ja, wir werden es auf jeden Fall erleben. Ich bin sehr gespannt.

Ich bin auch total gespannt. Also tatsächlich beobachte ich das immer ganz interessiert, also wie gerade junge Mitarbeiter in Unternehmen, mit welchen Ideen sie reinkommen. Gleichzeitig versuche ich mich immer zu distanzieren von dieser Annahme, dass nur weil es irgendwie jung ist, es innovativ und einen neuen Charakter hat. Ich glaube einfach, dass Innovation, da gehe ich ganz mit Wolf Lotter und empfehle da dieses Buch, oder ich glaube, er hat es auch Streitschrift genannt, Innovation, dass da Erfahrungen, Experimenten zusammenkommen müssen, wenn wir uns verändern wollen.

Ich habe dazu zwei Gedanken, aber ich glaube, dann müssen wir dann gleich zum Ende mal kommen, damit wir nicht hier völlig die Zeit reißen. Das eine ist, dass man diese Technologiekompetenz wirklich neurowissenschaftlich messen kann. Also ich habe meinen Vortrag von Gerald Hüther gehört. Und es gibt wohl eine Studie, dass die jedes Jahr die dann irgendwie in einer Grundschulklasse, also jedes Jahr die gleiche Altersgruppe, irgendwie einen Tomographenscan machen. Und man kann den Bereich im Gehirn, der für die Koordination der Daumen zuständig ist, wohl relativ genau festlegen. Und von Jahr zu Jahr ist der besser ausgeprägt, weil die Kinder immer besser mit dem Daumen umgehen können. Und das liegt wohl an der Smartphone-Nutzung.

Ja, das ist lustig, weil Digitalisierung, da steckt ja Digitus drin, der Finger oder auch der Daumen. Insofern, wenn wir dann neue Synapsen verknüpfen, dann kann man das vielleicht auch irgendwie von der Neurologie übertragen auf die Gesellschaft. Weil auch wir müssen in der Gesellschaft oder in Unternehmen neue Synapsen knüpfen. Also dieses Bild kann man dann so ein bisschen extrapolieren. Also das ist letztlich die Entwicklung, die sich da vollzieht.

Vielleicht letzter Gedanke zu diesem Wertewandel. Da bin ich vor allen Dingen gespannt. Das würde ich gerne mal in einer ruhigen Minute noch weiter recherchieren. Ich habe ein Buch gelesen vor der ganzen Weile über Neurowissenschaft für Heimanwender, wo es so darum ging, wie funktioniert unser Gehirn und was hat das für Auswirkungen auf Gewohnheiten usw. Und er hat gesagt, es gibt eine Studie, wurde jetzt auf die USA irgendwo hingetrimmt, dass es im Prinzip vier oder fünf Arten von Generationen gibt und die folgen immer auf die, also immer in der gleichen Reihenfolge folgt einer auf die nächste. Und das habe ich noch nie mit so einem längeren Horizont betrachtet, aber jetzt haben wir so das, worüber heute alle reden, Generation X, Y und Z.

Die sind ja auch sehr unterschiedlich in, was du alles gesagt hast, Statusdenken und Purpose und so weiter. Und ich bin der Meinung, die haben damals irgendwie Zeitungen und Stellenanzeigen und auch letztendlich O-Ton in Büchern und so analysiert. Und er hat das irgendwie über 150 Jahre verfolgen können, dass immer diese vier oder fünf Arten von Generationen aufeinander folgen. Da wäre ich total gespannt. Erstens, ob ich die Quelle wieder finde. Zweitens, ob man das irgendwo bestätigen kann. Und drittens, ob das dann jetzt so weitergeht. Oder ob die Digitalisierung da irgendwo so ein Luster durchbricht.

Grundsätzlich finde ich ja, auch wenn wir davon sprechen, die Welt dreht sich immer schneller, Veränderungen passieren immer schneller. Finde ich gerade das Wichtige, was du gesagt hast, die Betrachtung in längeren Zyklen und Zeiträumen. Eine Generation ist auch immer die Frage, wie grenzt man die ab voneinander? Aber wenn wir beispielsweise über Innovationszyklen nachdenken oder Quadrativzyklen, da sprechen wir über 60 Jahre. Und ich glaube, das ist auch einfach ein Zeitraum, den man legitimerweise mit heranziehen muss, auf jeden Fall, um zu gucken, in welchen Wellen sich denn größere Transformationen vollziehen. Das kann man wahrscheinlich auch erst in der Ex-Post-Betrachtung machen. Wir haben, das wissen alle, die jetzt zuhören nicht, aber wir haben vorhin im Vorgespräch gesagt, uns beiden fällt es schwer zu kommunizieren, was wir eigentlich tun.

Ich glaube, wir haben in vielen Stellen noch keine Sprache dafür. Und viele Menschen, mit denen ich spreche, die ähnlich unterwegs sind, in einer ähnlichen Mission, wir verändern Unternehmen, wir bauen neue Tools, wir bauen Software, die können das noch nicht ausdrücken. Es gibt noch keine Sprache dafür. Es gibt vielleicht auch noch keine Begriffe dafür. Und das ist auch, glaube ich, immer gekennzeichnend für eine Phase, wenn man gerade drin ist. Und dann ist ja auch einfach mal nicht abgeschlossen.

Ja. Ich glaube, das ist ein gutes Schlusswort für diesen Punkt in dem Interview. Ich würde gerne zu den drei Schlussfragen kommen. Und zwar, erste Frage, was ist das größte Thema, das du so im Dunstkreis der Digitalisierung für dich persönlich oder für dein Unternehmen angehen wirst?

Für mich persönlich und für Commitment ist es, es hört sich immer so banal an, Kontaktmanagement. Also wie kann ich meine Kontakte, Device, Plattform übergreifend, in verschiedenen Kontexten, dublettenfrei mit allen Informationen, die ich drin haben möchte, managen? Es ist einfach ungelöst.

Okay, wenn du eine Lösung findest, verrate es mir gerne. Okay, likewise. Kann ich genauso bestätigen. Ja. Welche Quelle oder welche Quellen würdest du empfehlen zu diesem großen Thema?

So global galaktisch, Digitalisierung in allen ihren Aspekten. Ich bin großer Fan seit ein paar Jahren wieder von Newslettern geworden, die ich sehr selektiv und auch immer sehr intensiv lese. Und einen, der mir wirklich richtig gut gefällt und auch redaktionell immer gut betreut wird, ist Mashed Society von Martin Weigert. Der kommt einmal in der Woche, wenn man das möchte. Da gibt es auch immer schon so eine kurze Vorschau, kuratiert verschiedene Quellen aus dem Netz, von Technologie bis hin zu Gesellschaft, gefällt mir richtig gut. Und dann gibt es auch noch andere Podcasts an der Stelle. Ich höre vor allen Dingen viele Podcasts von Tim Pridlove aus der Metaebene, CRE, Technik, Kultur, Gesellschaft beispielsweise oder den Forschergeist.

Ich glaube, der Forschergeist steht sogar schon auf unserer Liste. Ja, cool, vielen Dank. Ich werde das wie immer alles verlinken. Dann letzte Frage. Fällt dir jemand ein, den du gerne in einem späteren Interview mal hier hören würdest?

Tatsächlich interessiert mich ja immer die Ansicht von Menschen, die wirksam sind oder gestaltend sind für unsere Gesellschaft. Und ich habe mit vielen Leuten aus Wirtschaft zu tun, aber auch aus Politik. Und da jetzt irgendwie einen Politiker, eine Politikerin herauszugreifen, fällt mir schwer. Vielleicht, wenn wir mal in unserem Hamburger-Kontext bleiben. Wir haben ja nur einen Bürgermeister und nächstes Jahr auch neue Wahlen. Vielleicht unseren Hamburger Bürgermeister.

Ich bin gespannt, ob ich da durchkomme. Aber ich bin über die Logistik-Initiative DINIX zum Logistik-Dinner eingeladen. Dann bin ich zumindest in einem Raum mit ihm. Ich nehme den Rekorder mit, mal gucken, ob das seinen Namen passt. Viel Erfolg. Ja, ich bin gespannt. Also, es ist auf jeden Fall eine Mission. Würde mich persönlich auch sehr interessieren. Okay, ja dann, an dieser Stelle ganz vielen Dank für deine Zeit, für das Wissen. Also ich habe mal wieder auch nach 43 Interviews ganz viel gelernt. Ich hoffe, dass alle, die hier zuhören, auch was davon gelernt haben. Ja, das war das 43. Interview Wege der Digitalisierung. Ich freue mich, wie immer, wenn ihr alle da draußen das teilt. Ich freue mich über Kommentare.

Aber nochmal der Hinweis, wir sind Kooperationspartner der Hub Berlin geworden. Das heißt, da werde ich auf jeden Fall vor Ort sein. Falls ihr auch da sein werdet, können wir uns da gerne treffen.

Und ja, vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Musik Musik

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