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E002: Wie verändert die Digitalisierung unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft? – Susanne Draheim (CSTI)

    "Die Digitalisierung wird dafür sorgen, dass hier kein Stein mehr auf dem anderen bleibt."

    Unser zweiter Ausflug zum Verständnis der Digitalisierung führt mich zu Susanne Draheim, Leiterin des Creative Space der HAW Hamburg. Das CSTI ist eine Plattform für angewandte Forschung und Wissenstransfer im Bereich Mensch-Maschine-Interaktion und Smart Systems, basierend auf interdisziplinären Ansätzen.

    Links aus dem Interview

    Webtipps

    Buchtipp

    • Studien zur nächsten Gesellschaft
      Dirk Baecker

    Transkript

    Nils: Ich bin heute zu Gast bei Susanne Draheim, Leiterin des Creative Space der HAW Hamburg.

    Susanne: Ich bin Susanne Draheim und arbeite seit circa zwei Jahren an der HAW Hamburg und baue zusammen mit meinem Chef Kai von Luck das Creative Space for Technical Innovations auf, über das ich gleich noch mehr erzählen werde. Wie ich hier hergekommen bin, ist eine ziemlich lange Geschichte, die fast zehn Jahre zurückgeht. Ich habe als Soziologin in einem kleinen Fachbereich Informatik und Medien an der Technischen Hochschule in Brandenburg gearbeitet, um meine Promotion zu finanzieren, die mit Informatik und Technik nichts zu tun hatte, sondern eigentlich mit Hochschulreform und Hochschulentwicklung. Dort habe ich Studienreform-Projekte bearbeitet, den Bologna-Prozess begleitet und mir Projektstudien für Erstsemester in der Informatik ausgedacht.

    Interessanterweise bin ich durch diese Arbeit, die etwas mit Informatik zu tun hatte, zur Informatik gekommen und habe festgestellt, dass es ein Bereich ist, der mich sehr interessiert. Auch wenn ich selber eigentlich nicht programmieren kann, habe ich trotzdem angefangen, mich für das Thema zu interessieren, und gemerkt, dass in der Welt etwas im Gange ist, was sehr viel mit Technik-Entwicklung zu tun hat.

    Nach einem kleinen Umweg an die Uni Hamburg hat das dazu geführt, dass ich Lust hatte, hier an der HAW ein Abenteuer zu wagen und ein Laborprojekt mit anzustoßen. Unser Projekt läuft jetzt seit anderthalb Jahren und wird noch knapp zwei Jahre weiterlaufen. Und so lange haben wir Zeit, dieses Labor aufzubauen. Auf der einen Seite machen wir hauptsächlich Master-Ausbildungen, haben aber auch Ausläufer und Kooperation in die gesamte technische und informatische Fakultät hinein. Das heißt, wir arbeiten auch mit Mechatronikern, mit Maschinenbauern, auch ein bisschen mit Elektrotechnikern, denn das passt gut zu den Technologien und Themen, die wir hier haben.

    Wir sind auch über die Technologien hinaus mit Menschen vernetzt, die gar nichts mit Technik zu tun haben, sondern eher Design und Konzepte schreiben oder sich theoretisch und kritisch mit Sozial- und Kulturwissenschaften beschäftigen. Neben der Ausbildung arbeiten wir auch mit Unternehmen und anderen Organisationen zusammen und sehen uns als eine Schnittstelle in der Metropolregion, um Projekte zu lancieren, welche die Digitalisierung begleiten und flankieren, etwas kritisch beäugen und vor allem praktisch einen Beitrag leisten. Wir reden auch darüber, aber vor allem machen wir. Wir bauen Prototypen. Wir probieren Sachen aus, die mit der Interaktion von Mensch und Computer in der neuen Form zu tun haben, sprich in der unsichtbaren Form oder einer Formfaktor-Form. Wir bauen auch Smart-Objects. Internet of Things spielt eine Rolle, doch hauptsächlich geht es um Interaktion.

    Nils: Ich bin total gespannt. Ich denke, das ist auch für alle Zuhörer eine spannende Sache, wenn du von ein paar Projekten erzählst.

    Was ist Digitalisierung?

    Nils: Vorne weg noch eine Sache aus deiner Perspektive: Was ist Digitalisierung? Wo fängt sie an? Wo hört sie auf?

    Susanne: Es ist momentan einer der ganz großen Begriffe, der versucht zu beschreiben, wie sich Gesellschaft weltweit verändert. Man muss tatsächlich sagen weltweit. Wir können das nicht alles durchdeklinieren, denn wir müssen sagen, dass wir in Westeuropa sind und einen entsprechenden Blick darauf haben. Aber ich glaube schon, dass es ein ganz riesiger Prozess ist, der mit dafür sorgt, dass technologisch und auch in der Art, wie wir zusammenarbeiten und leben, kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Vieles was wir seit 20, 30 Jahren für selbstverständlich gehalten haben, was bestimmte Sicherungen angeht, wird vielleicht so nicht mehr existieren. Und unter anderem ist das auch eine Folge von Digitalisierung.

    Es heißt nicht, dass alles ganz toll wird durch Digitalisierung. Es wird vor allem anders. Es wird schneller, es werden neue Verbindungen gestiftet, die man vorher nicht absehen konnte, zwischen Technologien und der Objektwelt auf der einen Seite, aber auch für den Menschen, zwischen Menschen, zwischen Menschen und Computern, oder das, was wir bis vor Kurzem noch für Computer gehalten haben. Es entstehen völlig neue Produkte und auch ein völlig neues Denken über Produkte und darüber, wie gewirtschaftet wird. Daran hängen auch Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen in Unternehmen und nicht zuletzt verändert sich auch unser ganzer Alltag. Es ist tatsächlich ein großer Umbauprozess, der natürlich nicht sofort passiert. In gewisser Weise geht das alles sehr schnell und auch langsam, was es schwer macht, das Ganze zu beschreiben. Das klingt etwas mystisch. In der Gesamteinschätzung ist das meine Meinung.

    Nils: Ich finde spannend, dass eines der ersten Worte „Kultur“ war, weil: Wenn man klassisch an Digitalisierung denkt, denken viele, es heißt, dass wir statt Faxe jetzt E-Mails senden. Doch tatsächlich ist es mehr ein kulturelles Thema und die Technik ist nur der Auslöser. Du hattest ein paar spannende Stichworte gesagt: Kulturwandel, Alltag, Objekte und Geschäftsmodelle, die sich verändern. Kannst du ein paar konkrete Beispiele aus deiner Erfahrung nennen, zum Beispiel ein Geschäftsmodell, dass sich durch Digitalisierung komplett umgekrempelt hat?

    Susanne: Das ist schwer konkret zu sagen, weil wir noch in der Aufbauphase sind. Eines merken wir stark: Wir bekommen viel Besuch von unterschiedlichen Firmen aus ganz unterschiedlichen Branchen, die klein oder auch etwas größer sein können, und es stellt sich heraus, dass sie alle im Gespräch mit anderen Firmen und Zulieferern sind. Sie sind oft eingebunden in Konglomerate von anderen Firmen, in den Produktionsprozessen, in denen sie stecken. Dort sieht man, dass sich Geschäftsmodelle dahingehend verändern, dass man, wenn man erfolgreich ist, nicht mehr so weiter machen kann wie bisher. Denn auch als großes Unternehmen ist man umgeben von kleineren oder ganz jungen Unternehmen, die durch ihr Know-how im Bereich Technologie- oder Softwareentwicklung in der Lage sind, größere Firmen an die Wand zu stellen. Und die müssen dann etwas machen.

    Es gibt das Beispiel Kodak, das mein Chef immer gerne verwendet. Die Erfinder der digitalen Fotografie, die lange Zeit sehr erfolgreich Marktführer waren, sind letztendlich durch die digitale Fotografie eingegangen, weil sie es nicht geschafft haben, etwas Anschlussfähiges für Consumer daraus zu machen.

    Es gibt auch eine sehr einflussreiche Theorie von Clayton Christensen mit der digitalen Disruption, die total kritisiert und, wie ich eben erst gelesen habe, in der Masse von vielen als nicht haltbar angesehen wird. Trotzdem ist sie aber dahingehend richtig, dass sie dazu führt, dass viele große Unternehmen, die in der Vergangenheit viel geschafft haben, beunruhigt sind und sich momentan reflexhaft bewegen, weil sie wissen, sie müssen etwas machen. Denn es gibt so viele Beispiele, wo man sich nicht oder in die falsche Richtung bewegt hat und das zum Nachteil gereicht hat. Das Problem ist, dass nicht unbedingt etwas Gutes dabei herauskommen muss, wenn man nicht weiß, wo man sich hinbewegen soll. Diesen Problemkreis beobachten wir recht viel.

    Zum Beispiel kommt eine Versicherung an, da sie ein Problem mit der Lebensversicherung haben, weil niemand sie mehr in der alten Weise haben möchte. Dann kann man ihnen sagen: „Das können wir verstehen. Das hat damit zu tun, dass sich die Lebensformen der Menschen sehr geändert haben. Eine Lebensversicherung passt zu stabilen Beschäftigungsstrukturen mit einer großen Planbarkeit im Lebenslauf. Wenn Leute plötzlich viel flexibler sein müssen, dann sehen sie nicht mehr ein, warum sie für ein solches Format viel Geld ausgeben müssen.“ Als Versicherung muss man sich fragen: Was mache ich mit dieser Flexibilisierung und was mache ich auf der anderen Seite damit, dass Leute durch neue Technologien in der Lage sind, ständig Anbieter-Vergleiche durchzuführen? Die Vertrauensbeziehung, die früher zwischen dem Vertreter, der durch die Lande streift, und dem Käufer gestiftet wurde, funktioniert heute nicht mehr.

    Mir fallen gerade nur große Unternehmen ein, da die noch am ehesten die Möglichkeiten haben, etwas zu machen. Sie merken innerhalb ihres eigenen Organisationsprozesses, dass sie eigentlich ganz viel Potenzial verschenken. Sie haben zum Beispiel ganz viele Daten, Daten über Kunden, Daten über ihre Produkte und sie kriegen das nicht zusammen, weil die Daten in Silos gehalten werden. Sie wissen nicht, wie sie die Daten über die Kunden mit den Daten über die Prozesse und Verläufe zusammenbekommen und was sie damit machen könnten, wenn sie es täten. Das ist ein anderes Thema, was dazu führen könnte, dass daraus ein völlig neues Geschäftsmodell wird oder ein neuer Geschäftsbereich entsteht. Da kommen sie auch zu uns und fragen, was sie machen können, da wir diesen Bereich auch mit bewirtschaften.

    Nils: Das finde ich sehr spannend. Das sind auch zwei super plakative Beispiele. Bei dem Fall der Versicherung handelt es sich um kulturellen Wandel. Die Gesellschaft wandelt sich. Im Prinzip wird das Geschäftsmodell, das über Jahrzehnte Bestand hatte, per se in Frage gestellt.

    Susanne: Ja, ganz stark.

    Nils: Das heißt, weil die Welt sich ein paar Jahrzehnte weitergedreht hat, müssen sie sich fragen, was es für sie bedeutet und ob sie noch eine Existenzberechtigung haben. Der andere Fall ist auf den ersten Blick ein reiner Fall der Digitalisierung von Prozessen und auf den zweiten Blick kann man dann sagen: „Jetzt, wo wir das geschafft haben, haben wir ein neues Asset geschaffen – und können wir daraus einen neuen Wert generieren?“

    Susanne: Ja, genau.

    Nils: Das sind die zwei Fälle, auf die ich im Gespräch immer wieder stoße. Das eine ist der Kulturwandel, der sich niederschlägt, und das andere ist eine reine Prozessumformung, indem Prozesse digital werden.

    Susanne: Das ist nach innen gerichtet. Man merkt, dass man damit Dinge ganz anders anbieten könnte, wenn man ein bestimmtes Wissen hätte. Die Frage ist: Wie kann man das aus sich herausschöpfen. Das hat auch mit dem Big-Data-Hype zu tun. Was ist das überhaupt? Wenn man sich das genauer anschaut, merkt man, man hat ganz viele Daten, aber sind die gut genug? Dann stellen viele schnell fest, dass sie das nicht sind, und dann wird es richtig anstrengend. Das sind zwei Fälle, mit denen wir recht häufig zu tun haben.

    Was macht das Creative Space?

    Susanne: Jetzt habe ich noch gar nicht darüber geredet, was wir damit machen. Das sind erstmal Gespräche, die wir mit Unternehmen führen und eine unserer Aufgaben ist es, aus diesen Gesprächen Projekte zu machen. Wir versuchen den Unternehmen mit unserem kleinen Technologiepark, in Verbindung mit Methoden, die wir dazu anbieten, zu helfen, damit sie selber auf Ideen kommen, wie sie aus bestimmten Dilemmata einen ersten Schritt herausfinden. Wir sind ganz am Anfang unterwegs und versuchen, sie zu motivieren mit uns ein Projekt zu machen, was sie auf ihrem Weg ein Stück weiterbringt. Wir entwickeln mit ihnen keine neuen Produkte oder Dienstleistungen, aber wir versuchen Sensibilisierungsarbeit zu machen, und hoffen, dass sie selber ein Stück weiterkommen.

    Nils: Das ist der Punkt, an dem wir ins Spiel kommen. [Anmerkung: Als Software-Entwickler von Lionizers]

    Susanne: Genau, so ist das. (Beide lachen.)

    Nils: So haben wir uns ja auch kennengelernt. Ich habe hier das Intro eurer Webseite völlig analog ausgedruckt. Wenn ich mir die Stichworte angucke: Plattform für angewandte Forschung, Bereich für Mensch-Maschine Interaktion, Smart Systems, Mechatronik, Design, Medien- und Kulturwissenschaften. Das sind die Punkte, die wir auch hatten. Erzähl doch ein paar Beispiele, was ihr hier konkret macht, damit sich die Hörer und Hörerinnen vorstellen können, wie man mit euch zusammenarbeiten kann!

    Susanne: Soll ich etwas über konkrete Projekte erzählen, die wir gemacht haben? Die meisten Projekte, die wir momentan praktisch gemacht haben, sind noch studentische Projekte. Wir sind noch am Anfang und daher ist fast alles hier ein Master- oder Bachelor-Projekt oder im Rahmen von Master- und Bachelor-Projekten entstandene Prototypen, die jetzt im Rahmen der Zusammenarbeit mit Unternehmen oder anderen Organisationen weiterentwickelt werden können. Das ist erstmal das Fleisch, das wir angesammelt haben, um Leuten zu zeigen, was wir hier machen können, damit sie damit hinausgehen und es weiterentwickeln.

    Die Brücke in die Forschung. Die ist meiner Meinung nach noch ein wichtiger Punkt. Die Ausbildung an der HAW ist das eine, aber der Versuch, darüber hinaus weiterzukommen und Drittmittel einzuwerben bei Forschungsinstitutionen wie dem Bundesministerium oder – wir hatten sogar versucht uns an einer Ausschreibung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu beteiligen. Das ist der Versuch zu zeigen: Wir stehen auch noch auf einem anderen Bein und haben auch ein paar Doktoranden-Projekte.

    Das eine Projekt beschäftigt sich mit unserer Infrastruktur. Das ist auch sehr unsichtbar, weil es in dem Bereich angesiedelt ist, wo wir unsere Studien der Interaktion von Mensch/Maschine machen würden. Das ist die Doktorarbeit von Tobias Eichler. Für die meisten Doktorarbeiten gilt, dass sie aus den Masterarbeiten heraus entwickelt werden. Er hat in seiner Masterarbeit die Infrastruktur, also unsere Middleware für dieses Labor, entwickelt. Er hat es am Beispiel vom Living Place, dem Smarthome, entwickelt und dann auf dieses Labor übertragen. Das Kernstück der Arbeit ist es, das wissenschaftlich weiterzuentwickeln und auszuwerten: Wie nutzen die Studierenden und alle anderen, die hier arbeiten, diese Infrastruktur?

    Wir haben noch ein relativ neues Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Bildung Forschung, das läuft überwiegend im Living Place, aber es wird auch im CSTI mit vorangetrieben. Das heißt „SMILE“ und es geht um Smart Environments und die Sensibilisierung von Schülerinnen für das Informatikstudium oder überhaupt für das Thema Informatik. Durch Kursangebote – ähnlich wie das, was wir hier machen, nur bezogen auf die Schülerinnen-Zielgruppe – sollen sie sensibilisiert werden, dann später Informatik studieren zu wollen. Eine etwas klassische oder unklassische MINT-Förderung. Sie ist insofern unklassisch, dass andere Themen hineingebracht werden, aber es ist trotzdem ganz klassisch, dass man weiterhin versucht über 15, 20 Prozent Frauenanteil in den Informatikstudiengängen zu bekommen. Wir hoffen, dass dabei wissenschaftlich etwas rüberkommt, was wir hier nutzen können. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, dass die Wissensentwicklung weitergeht und wir nicht nur Technik machen, sondern darüber hinauskommen.

    Unser Konzept ist es, Projekte, wie auch die Doktorarbeit von Tobias Eichler, so nachhaltig wie möglich zu entwickeln. Das heißt, wir bauen Prototypen modul- und komponentenhaft, die potenziell weiterentwickelt werden können, und man Aspekte weiterentwickeln kann, wenn es eine Kooperation mit Unternehmen gibt.

    Wir haben eine Studienarbeit in der Mechatronik, die eine kontext-sensitive Tasse entwickelt hat, die jetzt auch weiterentwickelt wird. Es geht darum, zu gucken, wie kann man ein sogenanntes „selbstauskunftsfähiges“ Objekt in einem Arbeitsumfeld bauen kann, was in der Lage ist, mit seinem Benutzer zu interagieren. Es ist erstmal eine Tasse mit einem Unterboden, in dem eine Menge verschiedene Sensorik und Aktorik verbaut ist. Am Anfang haben wir über Wünsch-dir-was gesprochen. Was sollte eine tolle Tasse alles können? Wir haben uns an ein Projekt angelehnt, was am KIT in Karlsruhe vor fast 20 Jahren analog entwickelt worden ist. Mittlerweile gibt es fast zehn wissenschaftliche Tassen-Projekte. Das zeigt, dass es ein interessantes Thema ist. Man kann an diesem Beispiel ausprobieren: Was ist, wenn ich eine Tasse habe und die Tasse weiß und zeigt, was in ihr drin ist und wie heiß das ist? In Bezug auf den Besitzer, die wievielte Tasse Kaffee man getrunken hat oder gerade trinkt. Oder die sich auch im Raum selber auskennt, also weiß, ob sie auf dem Tisch steht, ob sie getragen wird oder ob andere Tassen in der Nähe sind.

    Im Arbeitskontext hatten wir die Idee, es könnte lustig sein, wenn sich drei Tassen auf dem Tisch treffen und sie sehen können, dass es kein Zufall sein kann, wenn sie schon zu dritt sind, und erkennen es ist ein Meeting. Dann stellen sie die Telefone der Benutzer, mit denen sie auch vernetzt sind, auf Standby, denn wenn sie reden, müssen sie nicht gestört werden. Eine Tasse, die eventuell für den Besitzer Entscheidungen trifft.

    Das Projekt ist erstmal eine Fingerübung und noch nicht mal eine halbe Bachelor-Arbeit, aber es geht erst einmal darum, diese Idee ganz groß zu machen, um dann ein kleines Stück zu bauen, das dann mit möglichst unterschiedlichen Leute zu diskutieren und dann gibt es eine Menge Kritik. Was ist mit Sicherheit und warum muss die Tasse mit Smartphones vernetzt sein? Ist das nicht ein Einfallstor für Angriffe oder ein Angriff auf die Autonomie des Benutzers? Möchte er das haben oder kann er das ausschalten? Ist es im Arbeitskontext eine Überwachungsmaßnahme? Man kann ganz viele kritische Fragen stellen, die auch alle mit aufgenommen werden.

    Der Joschka, der diese Tasse in der ersten Ausbaustufe gemacht hat, hat sich das alles sehr gut angehört und eingebaut. Es ist eine schöne Arbeit geworden und jetzt gibt es einen weitere Mechatronik-Studierenden, der seine Bachelor-Arbeit darauf aufsetzt und die Tasse weiterentwickelt. Er wird an bestimmten losen Enden, an denen Sachen nicht oder nicht besonders gut realisiert werden konnten, ansetzen und wird es weiterentwickeln. Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten. Die Mechatroniker sind eher auf der Hardwareebene und versuchen, dass der Prototyp Stabilität bekommt. Sie beschäftigen sich intensiv mit 3D-Druck und Materialien. Zum Beispiel: Wie kann man ein Projekt bauen, damit es eine bestimmte Stabilität bekommt? Weil der zweite Prototyp nicht sofort wieder auseinander fallen muss, sondern der kann gerne eine Weile leben.

    Unser Ansatz ist, dass man mit den ersten Ideen ganz viele Anschlussstellen schafft, die dann lange weiterentwickelt werden können. Das Tassenprojekt passt gut zu dem anderen Mechatroniker Projekt. Dort haben wir ein Feedback-Handschuh entwickelt für VR-Anwendung. Ein großes Thema, das wir hier bearbeiten, ist VR-Interaktion. Momentan haben wir drei oder vier verschiedene Bachelor- und Master-Projekte. Das war ein Bachelor-Projekt von Hendrik, der unser Praktikant geworden ist. Er hat versucht eine Konstruktion zu machen. Man hat einen Handschuh an und auf diesem Handschuh ist eine 3D-gedrucke Konstruktion mit einem Servomotor, der einem Feedback gibt, wenn man eine Brille aufhat und versucht in der VR-Situation, was anzufassen.

    Wie er es realisiert hat, ist genau andersrum als in der Realität, weil wenn man etwas anfasst, bekommt man über die Fingerkuppen oder die Greifbewegung Feedback. Bei ihm bekommt man einen kleinen Zug. Es geht also in die andere Richtung. Das wurde bereits kritisiert, aber es funktioniert trotzdem gut. Das hat er gut umgesetzt und man kann es mittlerweile auch gut tragen. Am Ende hat er viel mit den verschiedenen Materialien im 3D-Druck experimentiert. Er hat es in Nylon gedruckt, einem Material, das auch flexibel ist. Mittlerweile drucken sie Holz und es wird immer wilder. Es ist wirklich lustig. Sie haben richtige Materialkunde gemacht. Wir haben jetzt mehrere 3D-Drucker, deswegen kann man einiges ausprobieren.

    Das ist ein anderes Projekt, in dem meiner Meinung nach viel drinsteckt. Die Arbeit wurde jetzt verteidigt und das ist auch wirklich super gelaufen. Es gibt jetzt schon zwei Nachfolge-Projekt, wo jemand es andersherum realisieren wird. Er hat eine kontra-intuitive Konstruktion gebaut und jetzt soll eine intuitivere Handschuhkonstruktion gebaut werden oder eine, die sich mit anderen Materialien beschäftigt. Wir haben dieses größere Thema, Feedback im VR, und das wird von allen möglichen Seiten bespielt. Möglicherweise kommt danach eine Masterarbeit, wenn das jemand weitermachen will oder es kommt ein Projekt von außen. So werden die Projekte Stück für Stück weiter aufgesetzt.

    Nils: Ja, spannend. Wenn ich das richtig weiß, kann man euch besuchen.

    Susanne: Ja.

    Nils: Ich denke, für alle, die zuhören und es spannend finden, ist es eine Reise wert in die HAW.

    Susanne: Genau, wir sind offen für Führungen für alle möglichen Gruppen. Wir hatten hier schon alle möglichen Sorten von Schülerinnen und Schülern. Ab der 8. Klassenstufe macht es Sinn vorbeizukommen. Besser ist 10. und aufwärts, aber wir hatten schon eine 8. Klasse. Wir haben auch Führungen für Journalisten oder Rotarier gemacht. Alle, die interessiert und offen für das Thema sind, können wir bis zu 1,5 Stunden bespielen und können auch Workshops machen. Dafür sind wir da. Wir haben begrenzte Kapazitäten, da wir bislang nicht besonders groß sind, aber es gibt keine Einschränkung, dass wir für irgendwen per se nicht da wären.

    Was ist das größte Problem, was ihr im Zuge der Digitalisierung für euch lösen werdet?

    Nils: Dann kommen wir zu den Abschlussfragen. Was ist das größte Problem, was ihr im Zuge der Digitalisierung konkret für euch lösen werdet?

    Susanne: Das Problem zu lösen, ist für mich ein Knackpunkt. Ich bin mir nicht sicher, wie weit wir zur Problemlösung beitragen. Momentan machen wir hauptsächlich Sensibilisierung. Auf der einen Seite bilden wir Leute aus, von denen wir hoffen, dass sie später in Unternehmen gehen und da auf eine produktive und reflektierte Weise mitgestalten. Das ist das größte Ziel. Auf der anderen Seite, wenn es um die Gesellschaft und Unternehmen geht, können wir zur Sensibilisierung für Digitalisierung und Algorithmisierung beitragen und hoffen, dass wir sie auf dem Weg ein Stück begleiten.

    Zur Zeit ist das mit den Lösungen das Problem. Vorher hatten wir schon angesprochen, das nicht klar ist, was die genaue Marschrichtung ist. Und vielleicht ist das auch die größte Erkenntnis, dass es die vielleicht auch gar nicht gibt. Sondern es gibt diesen Prozess der Digitalisierung und Algorithmisierung. Je nachdem, wo man hinschaut sieht es sehr unterschiedlich aus. Man merkt nur, es geht in die Richtung. Man muss versuchen, die Nerven zu behalten, mitzumachen und dabei möglichst verantwortungsbewusst heranzugehen, aber die Lösung von Problemen ist so eine Sache. Ich glaube man kann in kleinen Schritten Problemlösung erreichen, aber das größte Problem scheint mir zu sein, dass das Ganze überschätzt wird und man glaubt, man könnte den großen Wurf machen. Doch das ist nicht der Fall. Man muss vorsichtig sein. Es ist eher ein Tasten: Wo geht es hin? Wenn man merkt, es geht in eine Richtung, wo man als Gesellschaft oder Unternehmen nicht hinsollte, dann vielleicht auch lieber nicht. Soweit bin ich noch Gesellschaftswissenschaftlerin, dass ich vorsichtig sagen würde, man muss auch nicht alles machen. Mein Chef ist gerne rustikaler und sagt: „Wir machen das, weil wir es können.“ Das gilt natürlich in diesem geschützten Raum, und das finde ich auch gut. Aber wenn man damit hinausgeht, muss man weiter sein und wissen, warum man das machen sollte, und sonst lieber nicht.

    Ich mache mir manchmal auch Sorgen, wenn junge Unternehmen nassforsch daherkommen und einen Stein ins Wasser schmeißen, ohne darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte. Da bin ich schon etwas älter und denke mir manchmal: Huhuhu, da mach ich mir Sorgen. Das heißt, wir sind eher die Politik der kleinen Schritte und versuchen die Leute abzuholen, wo sie sind, und ihnen zu erklären, wo sie sich aus unserer Sicht befinden. Das kann schon helfen, weil viele verunsichert sind und sich irgendwohin entwickeln wollen, aber man zuerst eine Standortbeschreibung machen muss.

    Hilfreiche Quellen zum Thema Digitalisierung

    Nils: Wenn du jemandem, der sich über Digitalisierung weiterbilden möchte, eine Quelle empfehlen sollst, was würdest du als ersten Anlaufpunkt nennen?

    Susanne: Gar nicht so einfach. Ich finde die 22 Thesen von Dirk Becker zur nächsten Gesellschaft schön. Die basieren auf seinem Buch, Studien zur nächsten Gesellschaft, was schon zehn Jahre alt ist. Diese Thesen finden sich auch im Internet. Es ist ein Blog, den er immer weiter entwickelt – auch auf die Response von Leuten, die seine Sachen lesen. Das finde ich als gesellschaftstheoretischen Überbau sehr schön. Das geht für mich als Soziologin am ehesten in die Richtung, in die es sich momentan hinbewegt. Die beiden Sachen finde ich sehr hilfreich, wenn man anfängt sich einzulesen in die Materie. Gerade bei Felix Stalder geht es unter anderem um die Unterscheidung von Digitalisierung und Algorithmisierung, die sehr wichtig ist. Das wird oft in einen großen Topf geschmissen, wobei man letztendlich doch unterscheiden muss zwischen der Übertragung von analogen Prozessen ins Digitale, was die Voraussetzung für Algorithmisierung darstellt, zumeist aber selbst als Digitalisierung benannt wird.

    Nils: Ich werde das verlinken. Letzte Frage: Wen würdest du gerne in einer späteren Episode dieses Podcasts hören?

    Susanne: Es gibt tatsächlich jemanden, den ich großartig finde. Ich weiß nicht, wie realistisch das ist. Das ist Danah Boyd. Das ist eine amerikanische Sozialforscherin. Sie hat als Informatikerin angefangen und hat sich dann mit ihrer Dissertationen in Richtung Soziologie entwickelt. Auf der einen Seite arbeitet sie als Senior-Researcherin bei Microsoft und auf der anderen Seite hat sie ein Associate Professorship an der New York University und ist vor allem Gründerin von einem Think Tank. Der heißt „Data and Society“ und die machen ganz spannende Sachen. Es ist vergleichbar mit dem, was das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin macht. Danah Boyd versucht, durch kritische Forschung und kritische Einwürfe diesen Digitalisierungsprozess zu begleiten. Sie beschäftigt sich auch sehr viel mit der Datafizierung der Gesellschaft und den neuen Ungleichheitsproduktionen, die daraus erwachsen, insbesondere für Minderheiten. Ich finde sehr gut, was sie macht. Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, weil sie vor ein paar Monaten ihr drittes Kind bekommen hat. Ich beobachte sie jetzt seit zehn Jahren. Sie hat als Bloggerin angefangen und als Social Media hochging, war sie eine der ersten, die es auf eine tolle Weise beschrieben und auch ethnografisch intensiv beforscht hat. Sie ist für mich jemand, der eine Menge weiß und nahe dran ist, an dem was passiert.

    Nils: Ok, sehr spannend. Zumindest werden wir spannende Quellen verlinken können, aber wer weiß, falls ich mal wieder in New York bin…

    Nils: Das war unser heutiges Interview mit Susanne Draheim vom Creative Space der HAW Hamburg. Vielen Dank für das Gespräch, Susanne.